TERRA-Online / Gymnasium


USA - Phasen der Wirtschaftsentwicklung seit 1950


Wirtschaftsentwicklung, strukturelle Verschiebungen, konjunkturellen Schwankungen, 'Goldene Jahre', Deindustrialisierung, regionale Dezentralisierung, Tertiärisierung, Informationsgesellschaft, Globalisierung, Quartärisierung, Reindustrialisierung

Seit Mitte des 20. Jahrhunderts durchlief die Wirtschaft der Vereinigten Staaten drei Phasen. Diese sind gekennzeichnet von z. T. starken strukturellen Verschiebungen und konjunkturellen Schwankungen. Auslöser des mehrfachen Wandels waren zum einen die weltwirtschaftlichen Entwicklungen und zum anderen – auch als Antwort auf diese Entwicklungen – unterschiedliche wirtschaftpolitische Programme der jeweiligen Regierungen. Die einzelnen Phasen hatten z. T. weitreichende Auswirkung nicht nur auf das „Wohlergehen“ der Bevölkerung, sondern auch auf die räumliche Entwicklung und die Standortverteilung der Industrie.


1. Phase der "Goldenen Jahre" von 1950 bis etwa 1967

Abgesehen von vorübergehenden, kleineren Krisen brachten die ersten beiden Jahrzehnte nach dem Zweiten Weltkrieg den Vereinigten Staaten ein kontinuierliches Wachstum und eine Förderung des allgemeinen Wohlstandes. Die sogenannten "Goldenen Jahre" bis etwa 1967 standen noch ganz im Zeichen des Fordismus, d. h. Massenproduktion bei geringer Produktdifferenzierung, Nutzung von Größenvorteilen, tayloristische Arbeitsorganisation, vergleichsweise geringe Anforderungen an die Qualifikation der Arbeitskräfte, Massenkonsum und Massennachfrage. Die US-Großunternehmen der Energie- und Grundstoff-, der Konsumgüter-, Auto- und Maschinenbauindustrie sowie der Luftfahrt waren international dominierend, sie wurden gleichsam zum Prototyp der "global players". Die Weltmachtrolle der USA basierte zudem auf dem überragenden "militärisch-industriellen Komplex“ sowie auf der Weltwährung des US-Dollars.
Die erfolgreiche Umstellung von Kriegs- auf Friedenswirtschaft bewirkte eine ‚satte Zufriedenheit’ und eine kontinuierliche Steigerung des materiellen Lebensstandards, von dem aber nicht alle Bevölkerungsschichten gleichermaßen profitierten. Besonders die schwarze Bevölkerung war nach wie vor benachteiligt. Die allgemein hohe Beschäftigungsquote schuf allerdings eine große Kaufkraft und förderte somit das wirtschaftliche Wachstum. Allein zwischen 1950 und 1960 nahm das Bruttosozialprodukt um mehr als 75 % zu. Räumlich konzentrierte sich das wirtschaftliche Wachstum weiterhin auf den Nordosten, den Manufacturing Belt. Die übrigen Regionen, allen voran die Golfküstenregion und Kalifornien, gewannen zwar sukzessiv an Bedeutung, blieben aber vorerst noch weitgehend "Ergänzungsgebiete" (R. Hahn).


2. Die Phase der Deindustrialisierung und regionalen Dezentralisierung zwischen 1967 und 1982

Die späten sechziger und die siebziger Jahre markieren eine Zeit des Übergangs – in mehrfacher Hinsicht. Die Phase der wirtschaftlichen Hochkonjunktur nahm ein Ende, als die Mitte der siebziger Jahre einsetzende weltweite Wirtschaftskrise (ausgelöst bzw. verstärkt durch die Ölpreisschocks von 1973 und 1979/80) auch die USA traf. Die beginnende Deregulierung auf dem nationalen und internationalen Kapitalmarkt brachte die amerikanischen Unternehmen in Schwierigkeiten, die Handelsbilanz geriet ins Defizit, in zahlreichen Produktionsbereichen verloren die USA ihre Vormachtstellung, vor allem gegenüber Japan. Die Arbeitslosenquoten stiegen und mit ihnen stagnierte der Lebensstandard vieler Bürger. Der Staat versuchte durch eine verstärkte Kreditaufnahme und Steuererhöhungen Mittel für eine Konjunkturbelebung zu erhalten. Dadurch wurden jedoch die Zinsen nach oben getrieben, was wiederum das Kapital verteuerte und die private Investitionsbereitschaft hemmte. Das Ergebnis: Stagflation, d. h. stagnierendes Wirtschaftswachstum und Inflation.
Im industriellen Kerngebiet, dem Manufacturing Belt, kam es zu Produktionseinbrüchen. Anlagen vor allem der Schwerindustrie wurden in großem Umfang stillgelegt (Deindustrialisierung), das Kapital wanderte in den sunbelt sowie den pazifischen Südwesten und mit ihm große Bevölkerungsteile. Begünstigt wurde die industrielle Standortverlagerung durch den Ausbau des Highwaysystems, der die ehemals peripheren Landesteile im Süden und Westen für Industrieansiedlungen attraktiv machte, durch die Investitionstätigkeit des Staates in die – verstärkt im Süden und Westen beheimatete – Rüstungs- und Weltraumindustrie sowie durch das hohe Angebot an preiswerten Grundstücksflächen und billigen Arbeitskräften in den bislang weniger stark industrialisierten Regionen außerhalb des Manufacturing Belt.
Mehr und mehr wurde das fordistische vom postfordistischen System abgelöst, d. h. allmählicher Übergang von der Massenproduktion zur Produktion kleiner Serien, Nutzung von Verbundvorteilen neben den Größenvorteilen, Flexibilisierung der Arbeitsorganisation anstelle der tayloristischen Arbeitsorganisation, steigende Anforderung an die Qualifikation der Arbeitskräfte, Individualisierung des Konsums und Nachfrage nach Produktvarianten statt Massenkonsum und Massennachfrage nach langlebigen Konsumgütern.


3. Die Phase der Tertiärisierung und der Übergang zur Informationsgesellschaft seit den 1980er Jahren

Die konjunkturelle wirtschaftliche Entwicklung der USA in der Zeit von 1982 bis heute ist gekennzeichnet von einem mehrfachen Auf und Ab. Wie in den meisten westlichen Industrieländern so vollzog sich auch in den USA seit Anfang der achtziger Jahre ein Umbruch von der nachfrage- zur angebotsorientierten Wirtschaft. Vorreiter dieser auch als Neoliberalismus bezeichneten Politik waren Margaret Thatcher in Großbritannien und Präsident Ronald Reagan (1981 - 1989). Ihre Verfechter in den USA, die Reagonomics, sahen in der Deregulierung, d. h. den Abbau staatlicher Auflagen innerhalb einzelner Branchen, in der Kürzung staatlicher Sozialleistungen sowie in verbesserten Investitions- und Produktionsbedingungen für Unternehmen ein probates Mittel zur Überwindung der durch den Ölpreisschock von 1979/80 mitverursachten Stagnation. In der Tat konnte nach einer tiefen Rezession in den Jahren 1982/1983 wieder ein moderates Wirtschaftswachstum erzielt werden. Die Arbeitslosenquote ging auf 5,2 % zurück, allerdings sanken die Realeinkommen, so dass das vielzitierte "Jobwunder" gleichzeitig von einer Verarmung großer Bevölkerungsteile begleitet wurde. Anfang der neunziger Jahre kam es erneut zu einer Rezession, die mit dazu führte, dass Reagon’s Nachfolger George Bush 1993 abgewählt wurde. Wachsende Außenhandelsdefizite und eine stark zunehmende Staatsverschuldung sind nur zwei Indikatoren für diese "Krise der achtziger Jahre".
Die Situation änderte sich wiederum grundlegend mit dem Amtsantritt von Bill Clinton (1993 - 2001), obwohl sich dessen Wirtschaftspolitik nicht grundlegend von der seiner Vorgänger unterschied. "America is back" – dieses Schlagwort kennzeichnet treffend die außergewöhnliche Boomphase in den neunziger Jahren. Die Arbeitslosenquote konnte bis zum Frühjahr 2000 auf einen Tiefsstand von 4 % gesenkt werden, was nach heutigen Maßstäben einer Vollbeschäftigung gleichkommt. Die den Boom der 1990er Jahre tragenden wirtschaftspolitischen Maßnahmen waren eine reduzierte Einflussnahme des Staates, was gleichzeitig eine Stärkung der Unternehmen z. B. in der Lohnpolitik bedeutete (Beschäftigung von Langzeitarbeitslosen und schlecht Ausgebildeten zu niedrigen Löhnen, Erleichterungen bei Einstellungen und Kündigungen), die Förderung von Unternehmensgründungen, die Sanierung des Bundeshaushaltes und eine investitionsfördernde Geldpolitik der Zentralbank.
Im Jahre 2001 ging die Hochkonjunkturphase zu Ende. Eine entscheidende Rolle spielten dabei die Terroranschläge vom 11. September. Die Auslandsnachfrage ging zurück und führte zu einem Sinken der Exporte, die Arbeitslosenquote nahm wieder zu und erreichte Ende 2001 die Marke von 4,8 %.

Globalisierung, Tertiärisierung, Quartärisierung, Reindustrialisierung, Dezentralisierung bei gleichzeitiger Zentralisierung – diese Worte stehen beispielhaft für die strukturelle und räumliche Entwicklung der Wirtschaft seit Anfang der achtziger Jahre.
In den Altindustriegebieten setzten sich die Deindustrialisierungsprozesse fort, wobei – im Zuge der zunehmenden Globalisierung – Teile der Produktion mehr und mehr in Niedriglohnländer verlagert wurden, allen voran Mexiko, Taiwan und Malaysia. Insgesamt stagnierte die Zahl der Arbeitsplätze im sekundären Sektor zugunsten des Dienstleistungsbereichs, in dem zwischen 1980 und 2000 ca. 35.000 neue Arbeitsplätze entstanden. Der Anteil der Beschäftigten im tertiären Sektor an der Gesamtzahl der Beschäftigten stieg bis zum Jahre 2000 auf 74,1 %, währende der Anteil im sekundären Sektor nur noch 23,3 % betrug (Vergleichszahlen für Deutschland: 64,2 % bzw. 33,1 %). Die USA gilt somit zu Recht als Prototyp einer „postindustriellen Gesellschaft“. Insbesondere der sogenannte quartäre Sektor, d. h. die wissens- und informationsintensiven Branchen, konnten eine außerordentliche Dynamik entfalten (Informationsgelsschaft), während die traditionellen konsumorientierten Dienstleistungen (ausgenommen Gesundheitswesen und Bildung) ebenfalls stagnierten oder einen Rückgang zu verzeichnen hatten.
Die sun-belt-Staaten blieben weiterhin die bevorzugten Zielgebiete für ansiedlungswillige Unternehmen, von denen viele aus dem Ausland kommen, vornehmlich aus Japan, Kanada, Großbritannien und Deutschland. Entsprechend stieg auch hier noch die Zahl der geschaffenen Arbeitsplätze im sekundären Sektor. Der bereits in den siebziger Jahren verstärkt einsetzende Vorgang der Dezentralisierung setzte sich damit weiter fort. In jüngerer Zeit sind jedoch auch Tendenzen der Rückwanderung in den Osten auszumachen, wo sich z. B. hochmoderne Betriebe des High-Tech-Bereichs vor allem im Umkreis bedeutender Universitäten und Forschungsinstitute ansiedelten. Es kommt so zu Ansätzen einer Reindustrialisierung.
Wenn eingangs das Begriffspaar ‚Dezentralisierung/Zentralisierung’ genannt wurde, so ist damit gemeint, dass mit dem Erstarken von ehemals industriell ‚unterentwickelten’ Gebieten des Südens und Westens das ursprüngliche Übergewicht des industrialisierten Nordostens weitgehend abgebaut wurde; eine gleichzeitige Zentralisierung findet insofern statt, als eine Konzentration von Branchen vor allem des hochwertigen tertiären und quartären Sektors besonders in den großen Metropolregionen wie New York, Boston, San Francisco oder Los Angeles, den global cities stattfindet, die sich zu den Steuerungszentren der Weltwirtschaft entwickeln.


Quelle: Geographie Infothek
Autor: Norbert von der Ruhren
Verlag: Klett
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2002
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 12.05.2006
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