TERRA-Online / Realschule


Infoblatt Sanfter Tourismus


Konzept des sanften Tourismus und Probleme bei der Umsetzung



(Butz)


Idee und Ziele

Sanfter Tourismus ist die Form des Urlaubs- und Reiseverhaltens, die versucht die negativen Äußerungen und Wirkungen des Tourismus in ökologischer und soziokultureller Hinsicht zu korrigieren. Häufig wird der sanfte Tourismus auch mit den Begriffen "nachhaltiger Tourismus" oder auch "umwelt- und sozialverträglicher Tourismus" gleichgesetzt. Erstmalig wurde der Terminus "Sanfter Tourismus" von Robert Jungk im Jahr 1980 geprägt. Als Gegenpol zu den immer deutlicher werdenden Defiziten und Probleme des harten Tourismus (Massentourismus) enthält das Konzept des sanften Tourismus eine Reihe von Elementen, wie der Urlaub gestaltet werden soll, um die Umwelt ökologisch wie auch soziokulturell im bestmöglichen Fall zu schonen. Oberstes Ziel dieser Tourismuspolitik ist dabei, die Konflikte von Freizeit und Umwelt weitgehend zu entschärfen. In den Urlaubsregionen sollen demnach die Bedürfnisse der erholungssuchenden Menschen mit den Interessen der ortsansässigen Bevölkerung in Einklang gebracht werden. Einerseits ist dies abhängig von der aktiven Gestaltung des Reisenden selbst und andererseits müssen natürlich auch die Veranstalter und Tourismusregionen sich an dieser Idee beteiligen.

Gemäß dem Grundgedanken soll der sanfte Tourist sich vor seiner Reise mit der Urlaubsregion auseinander setzen, die Landessprache zumindest z. T. erlernen und sich möglichst in Umgangsform und Verhaltensweise an die Einheimischen anpassen. Dabei sollen der lokalen Bevölkerung weder überdimensionierte Infrastrukturen und Verkehrsprojekte aufgezwungen werden, noch sollen landschaftsbelastende Einrichtungen genutzt werden. Vor allem soll der sanfte Urlauber in den sog. Entwicklungsländern aber darauf achten, dass er sein westliches Überlegenheitsgefühl ablegt, die lokale Kultur respektiert und somit eine Kulturvermischung möglichst reduziert wird.
Neben der notwendigen Einstellung und dem Willen zur Beteiligung des sanften Touristen ist aber auch die Anbieterseite wichtig. Entsprechende Rahmenbedingungen und Angebote müssen gegeben sein, damit dieses Konzept umgesetzt werden kann. Wichtige Forderung sind eine Dezentralisierung der touristischen Einrichtungen, eine Anbindung an den öffentlichen Verkehr, Förderung von Kleinprojekten, Beteiligung der ansässigen Bevölkerung an touristischen Entscheidungen und eine Anpassung von Ernährung und Architektur an die regionalen Gegebenheiten. Außerdem ist eine Entzerrung der Urlaubszeiten von enormer Bedeutung, damit nicht alle Urlauber gleichzeitig auf die Fremdenverkehrsgebiete einströmen.


Umsetzung und Probleme

Das Konzept des sanften Tourismus bietet einerseits Chancen für Veränderungen im Fremdenverkehr, andererseits gibt es deutliche Umsetzungsprobleme. Zunächst kann der sanfte Tourismus nicht für alle Reisewilligen angeboten werden, denn ab einer bestimmten Sättigungsgrenze würde er wieder zu einem umweltschädlichen Massentourismus führen. Häufig sind sanfte Reisen auch kostenintensiver als die Ferienangebote aus dem Katalog. So wird befürchtet, dass die Verteuerung der Reiseangebote zu neuen Privilegien kaufkräftiger Schichten führen. Manche sprechen sogar von einer "Re-Feudalisierung" des Reisens für elitäre Bevölkerungsschichten. Zudem sind aufgrund von gesundheitlichen Gründen sanfte Reisen wie Radtouren, Wanderungen und Bahnreisen für viele Urlauber gar keine Alternative. Dadurch bleibt die Zahl der sanften Touristen automatisch niedrig. Diese Argumente wirken sich in der Hinsicht aus, dass der potenzielle Markt für sanfte Reisen bereits begrenzt ist und das Konzept ein Nischenprodukt geblieben ist.
Teilweise wird mit dem Begriff "sanft" auch fälschlicherweise geworben, denn manchmal wird nur ein Element aus dem vielfältigen Konzept verwirklicht. Beispielsweise wird mit Radwegen geworben, aber gleichzeitig sind Freizeitparks o. ä. Bestandteil der Angebotspalette der Urlaubsregion. Oft wird der Begriff auch nur als Marketinginstrument verwendet, um neue Kundengruppen zu gewinnen, aber die Sorge um die Umwelt wird dabei vernachlässigt. Indessen wird oftmals auf das Etikett "Sanfter Tourismus" verzichtet, da Fremdenverkehrsstandorte sich davon allenfalls einen wirtschaftlichen Rückgang versprechen. Andererseits hat das Konzept langjährige Diskussionen ausgelöst und durchaus ein Umdenken eingeleitet, sowohl bei Anbietern und Politikern als auch bei einigen Reisewilligen. Es wurden Belastungsgrenzen für sensible Landschaftszonen definiert und vor entsprechenden touristischen und freiwirtschaftlichen Übernutzungen geschützt. Selbst der sanfte Tourismus kann nicht ganz ohne ökonomische Zwänge existieren, denn wirtschaftliche Wertschöpfung ist z. B. für die Beseitigung von entstandenen Schäden notwendig. Wichtig für einen nachhaltigen und sanften Tourismus ist demnach der Maßstab des qualitativen Wachstums und kein weiteres quantitatives Wachstum ohne Rücksichtnahme auf die lokalen ökologischen und soziokulturellen Ressourcen.


Konkrete Beispiele

Als Reiseveranstalter für Studienreisen hat Studiosus sich offen zu einer spezifischen Verantwortung für die lokale Umwelt und Kultur bekannt. Reisekataloge werden auf umweltverträglichem Papier gedruckt und Kunden werden gebeten, die nicht mehr benötigten Kataloge zur Weiterverwendung in die Reisebüros zurückzubringen. Bahnreisen zu den Abflugsorten sind inklusive. Zudem erhalten Reisewillige Empfehlungen, wie sie sich im Gastgeberland umwelt- und sozialverträglich verhalten sollen.
Als Urlaubsregion beteiligt sich z. B. Bayern an den Leitideen des sanften Tourismus. Es existiert ein umfangreicher Service für die bayerischen Fremdenverkehrsorte mit ausführlichen Beschreibungen von Aktivitäten, die vor Ort stattfinden. Darin ist natürlich auch die Mitwirkung der Gäste beinhaltet, die beispielsweise im Nationalpark "Bayerischer Wald" kein Auto benutzen dürfen, um zu den Ausgangspunkten für Wanderungen zu gelangen. Stattdessen verkehren umweltfreundliche, da abgasreduzierte Erdgasbusse.


Literatur

ÄDER, U. (1985): Sanfter Tourismus: Alibi oder Chance?.- Zürich.
ROTH, P. & SCHRAND, A. (1992): Touristik-Marketing.- Verlag Franz Vahlen.
VIEGAS, A. (1998): Ökomanagement im Tourismus.- Oldenbourg Verlag.


Quelle: Geographie Infothek
Autor: Mirko Ellrich
Verlag: Klett
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2012
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 29.05.2012
Online-Link/Code



Klett-GIS
Das webbasierte Geographische Informationssystem zum Haack Weltatlas.


TERRA Methoden
Die TERRA Methodenseiten im Überblick.