TERRA-Online / Gymnasium

Infoblatt Theorie der langen Wellen


Modell zur Erklärung wirtschaftlicher und räumlicher Ungleichgewichte



Klett

Die Theorie der langen Wellen ist ein dynamisches Modell zur Erklärung wirtschaftlicher und räumlicher Ungleichgewichte. Der Zusammenhang zwischen Strukturwandel und Raumentwicklung wird aus makroökonomischer Sicht herausgearbeitet. Die Theorie der langen Wellen betont, dass sich die Wirtschaft in einem ständigen Strukturwandel befindet. Es wird unterstellt, dass die Bedeutung innovativer Produkte, Dienstleistungen oder Produktionsverfahren nicht immer gleich ist. Grundlegende technische Neuerungen werden als Basisinnovationen bezeichnet. Basisinnovationen schaffen neue Märkte und verändern bestehende Wirtschaftszweige tief greifend. Sie treten nach heute herrschender Meinung in zyklischen Abständen gehäuft ("in Schwärmen") auf und können lange Wachstumsschübe ("lange Wellen" oder "Kondratieff-Wellen") auslösen. Erstmals versuchten von Geldern (1913), de Wolf (1924) und Kondratieff (1926) die zyklischen Schwankungen in den Wirtschaftsaktivitäten von Industrieländern nachzuweisen. Den entscheidenden Beitrag zur Entwicklung der Theorie der langen Wellen leistete jedoch Schumpeter (1939).

Die technische Innovation ist Anstoß und Ursache der zyklischen Schwankungen der Wirtschaft. Art und Ausreifungszeit der Innovation bestimmen die Zyklenlänge. In der Vergangenheit differenzierten die Autoren zwischen drei sich überlagernden Wellen (J. A. Schumpeter), neuere historisch deskriptive Untersuchungen unterscheiden vier lange Wellen. Der wirtschaftliche Aufschwung wird von einer Basisinnovation ausgelöst, der Abschwung tritt ein, wenn sich die Innovationskraft der neuen Technologie erschöpft. Technische Innovationen in der ersten Welle Anfang des 19. Jahrhunderts waren die Dampfmaschine und die Textilmaschine, in der zweiten Welle Neuerungen im Verkehrswesen (Eisenbahn, Dampfschiffe) sowie in der Eisen- und Stahlindustrie. In der dritten Welle wurde der wirtschaftliche Aufschwung durch den Einsatz von Benzin- und Elektromotoren und in der vierten Welle von Elektronik im Produktionsprozess sowie durch Erfindungen in der Petrochemie ausgelöst. Basisinnovationen in der aktuellen fünften Welle sind die Mikroelektronik, die Steuerungs- und Kommunikationstechnologie sowie die Bio- und Gentechnologie.

Die Kritik an der Theorie der langen Wellen stützt sich auf Unzulänglichkeiten der empirischen Befunde und des theoretischen Erklärungsgehaltes. Sie gibt lediglich Aufschluss über die Ursachen eines wirtschaftlichen Aufschwungs. Die Auslöser des Abschwungs und die Gesetzmäßigkeiten der zyklischen Schwankungen werden nur unzureichend erklärt.
Die Theorie der langen Wellen ist jedoch ein Erklärungsansatz für die innerregionale bzw. internationale Verlagerung ökonomischer Aktivitäten. Unterschieden werden:
  • Räumliche Differenzierungsprozesse innerhalb einer einzigen langen Welle
    Wirtschaftliche Aktivitäten konzentrieren sich generell auf ein bzw. wenige Zentren. Zum Ende einer Welle häufen sich Firmenkäufe und Fusionen. Dies hat einen auf die Peripherie gerichteten Wachstumsschub zur Folge. Auch die neuen Zentren durchlaufen wiederum eine ähnliche Entwicklung mit Phasen von Wachstum, Stagnation und Schrumpfung.
  • Schwerpunktverlagerungen ökonomischer Aktivitäten beim Übergang zur nächsten Welle
    Mit jeder neuen Welle wurden neue wirtschaftliche Zentren gebildet, die räumlich gesehen fernab des alten Zentrums lagen. So trat in der vierten langen Welle neben die USA und die westeuropäischen Länder Japan als weiterer Kristallisationspunkt hinzu. In der derzeitigen fünften Welle zeichnet sich ab, dass sich der pazifische Raum zu einer führenden Industrieregion der Welt entwickeln könnte. Gründe für die Verlagerung des Ausgangspunktes sind, dass die Zentren der alten Welle nicht den Standortanforderungen der neuen Welle genügen und statisches Verhalten von Unternehmen, Regierungen und Gewerkschaften Anpassungsprozesse verhindern. Alte Zentren verkrusten zu sog. "Altindustrieregionen".



Literatur

Schätzl, L. (2001): Wirtschaftsgeographie 1 - Theorie. 8., überarbeitete Auflage. 149-154. Paderborn, München, Wien, Zürich.


Quelle: Geographie Infothek
Autor: Jutta Henke
Verlag: Klett
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2004
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 02.05.2012
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