TERRA-Online / Gymnasium


Smokey Mountains - Leben auf dem Müllberg


Ein Bericht über die Menschen auf den Müllhalden Manilas



(Albert Lehmenkühler)

In Tondo befindet sich eine der größten Müllhalden Manilas. Smokey Mountains werden diese dampfenden Müllberge genannt, nach dem brennenden Abfall, der das Gelände häufig in riesige Rauchschwaden hüllt.



(Albert Lehmenkühler)

Ohne Kanalisation, Wasserversorgung und Elektrizität wohnen die Ärmsten der Armen unter katastrophalen Bedingungen am Rande der Abfallberge oder direkt auf ihnen. Mitten auf dem Müllberg wird gekocht, gegessen und geschlafen. Notdürftige Behausungen bieten kaum Schutz vor Ungeziefer, Regen und Hitze. Luft und Wasser sind vergiftet. Ungeziefer und verheerende hygienische Bedingungen, die sich während der Monsunzeit noch verschlimmern, sorgen für die Verbreitung von Tuberkulose, Hauterkrankungen, Würmern und anderen Krankheiten. Vor allem die Kinder, häufig durch Mangel- und Unterernährung geschwächt, leiden unter diesen schrecklichen Bedingungen.



(Albert Lehmenkühler)

Tausende von Menschen leben hier, im Hafenviertel von Manila, in ärmlichsten Behausungen, die aus Brettern, Pappe und Blechen zusammengezimmert worden sind. Wichtige Ver- und Entsorgungseinrichtungen fehlen oder sind nur völlig unzureichend vorhanden. Unter dem enormen Bevölkerungsdruck entstand dieses für das Erscheinungsbild eines Entwicklungslandes typische Elendsviertel.



(Albert Lehmenkühler)

Die Suche nach recyclebaren Materialien wie Plastik, Papier, Glas, Holz, Aluminium u. a. zieht die Menschen auf den Müllberg. Mit bloßen Händen wird sogar nach Essensresten gesucht, die später abgekocht an Haustiere verfüttert werden. Scavenger, Aasfresser, werden die Menschen genannt, die diese Arbeit unter härtesten Bedingungen auf den Müllbergen verrichten.



(Albert Lehmenkühler)

Ein Verdienst von 100 bis 200 Pesos (ca. 2 bis 3 Euro) kann am Tag von der Familie eines Scavengers erzielt werden. Alle Familienmitglieder müssen helfen. Kinderarbeit ist selbstverständlich, ohne die Hilfe der Kinder kommt die Familie nicht durch.
Ein "Abfallsyndikat" zieht die Fäden im Hintergrund und organisiert, für einen Außenstehenden nicht erkennbar, das Chaos, das um die im Minutentakt eintreffenden Mülllastwagen herrscht. Die Verteilung der "Sammelrechte" für bestimmte Materialien wird bei jedem ankommenden LKW (in Payatas täglich über 500) neu geregelt. Die Fundsachen werden anschließend sortiert, in Säcke verpackt und an Zwischenhändler, die "Junk Shops" betreiben, verkauft. Von diesen Sammelstellen gelangt das Material durch die Hände weiterer Großhändler in die Fabriken zum Recycling.



(Albert Lehmenkühler)

Regierung und Abfallwirtschaft profitieren von der Arbeit der Scavenger und haben deshalb wenig Interesse, die bestehenden Verhältnisse zu ändern. Scavenger tragen dazu bei, die Gesamtmasse des anfallenden Mülls zu verringern. Der Staat müsste Millionen aufbringen, Arbeitskräfte dafür einzustellen. Scavenger helfen im großen Maße, recyclebare Materialien der Industrie wieder zuzuführen und letztlich nehmen sie es der Regierung ab, Arbeitsplätze für sie und die vielen, die im "Müllgeschäft" tätig sind, zu schaffen.
Viele der zumeist noch jungen Menschen blicken auf ein bewegtes Leben zurück. Ein 17-jähriger erzählt: "Als ich ein Jahr alt war, starb mein Vater – er wurde während eines Streits erstochen. Um zu überleben, begann meine Mutter in der Nähe der Müllhalde Süßigkeiten zu verkaufen. Ich ging fünf Jahre lang zur Grundschule, doch dann wurde unsere Squattersiedlung von Regierungstruppen niedergerissen. Dabei verlor ich alle meine Schulbücher und meine Schuluniform. Vor einigen Monaten musste mein Bruder in die Provinz flüchten, weil er einen Mann niederstach, der versuchte, den Freund meines Bruders zu töten. ..."
Ein Mädchen von 13 Jahren berichtet: "Meine Eltern stritten ständig. Meistens waren sie betrunken. Ich habe noch neun weitere Brüder und Schwestern. Wir hatten nicht genug Geld, um zur Schule gehen zu können. Als ich neun war, lief ich von Zuhause weg, seitdem lebe ich auf dem Müllberg. Ich traf Jungen, die mich mißbrauchten und als Gegenleistung vor anderen beschützten. Ich wurde drogenabhängig und schnüffelte Kleber. ..."



(Albert Lehmenkühler)

Traurige Berühmtheit und kurze weltweite Aufmerksamkeit erlangten am 10. Juli 2000 die Müllberge von Payatas. Tagelanger Regen der beiden Taifune Didang und Edeng hatte die steilen Hänge der Halde mit Wasser durchtränkt und instabil gemacht. Mit gewaltigem Getöse geriet ein Hang auf 300 Meter Breite ins Rutschen und begrub in Sekundenschnelle eine ganze Squattersiedlung des Dorfes Lupang Pangako unter sich. Kurz nach der Katastrophe wurde offiziell von 279 Toten gesprochen, Tage später war jedoch klar: 400 bis 800 Menschen kamen ums Leben oder bleiben für immer vermisst.


Manila - statistisch

Die Metropolitan Manila (kurz Metro Manila), eine Agglomeration von 13 Großstädten, hat auf Grund der Landflucht in den letzten Jahrzehnten einen explosiven Bevölkerungsanstieg verkraften müssen. Lebten 1970 in dem 636 km² großen Gebiet von Metro Manila noch ca. 4 Mio. Menschen, so stieg die Anzahl in den folgenden Jahrzehnten sprunghaft an: 1980 über 6 Mio., 1990 ca. 9 Mio. und 2004 geschätzte 11 Mio. Einwohner (National Statistics Office, Manila 2002).
Metro Manila ist das mit Abstand am dichtesten besiedelte Gebiet der Philippinen. Mit durchschnittlich 15.617 E/km² liegt die Bevölkerungsdichte 62 mal höher als der Landesdurchschnitt mit 255 E/km². Im Stadtgebiet von Navotas erreicht die Bevölkerungsdichte den Spitzenwert von 88.617 E/km², in Manila City sind es 41.282 E/km² (National Statistics Office, Manila 2002).


Literatur

Philippine Yearbook 2002, Philippines National Statistics Office, Sta.Mesa, Manila. 17th Edition 2002. Printed by Willprint Graphics Centre, Philippines.


Albert Lehmenkühler

arbeitet als Lehrer an deutschen Schulen im Ausland. In seiner Freizeit erkundet er mit seiner Kamera Land und Leute.
Seine dabei entstanden Fotodokumentationen finden Sie unter www.gesichtdererde.de.


Quelle: Geographie Infothek
Autor: Albert Lehmenkühler
Verlag: Klett
Ort: Leipzg
Quellendatum: 2004
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 25.11.2005
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