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Alte Sünden rächen sich: Das Grundwasser hat ein langes Gedächtnis


Die Gewässerdirektion Neckar stellt in der Region vielfach noch immer einen zu hohen Nitratgehalt fest und schaltet deswegen immer wieder Brunnen ab.

BESIGHEIM. Das Grundwasser in der Region weist einen deutlich zu hohen Nitratgehalt auf. Die Experten der Gewässerdirektion Neckar machen dafür die Landwirtschaft verantwortlich.

Das Mobiltelefon muss auf Empfang bleiben - auch an diesen Tagen, die dem Feiern vorbehalten sein sollten. Doch ob das Wetter sich an den vom Menschen gemachten Kalender hält, ist ungewiss. Schon wieder steigen die Pegel der Flüsse in der Region; ein weiteres Hochwasser könnte sich ankündigen. Dann wäre es vorbei mit der feierlichen Stimmung im Hause Scholz.

Carsten Scholz ist Chef des Bereichs Besigheim (Kreis Ludwigsburg) der Gewässerdirektion Neckar und als solcher zuständig für all die Wasserläufe in einem riesigen Gebiet, das von Stuttgart über den Rems-Murr-Kreis bis zu den Landkreisen Ludwigsburg und Heilbronn reicht. ''Eigentlich'', sagt Scholz, ''machen wir bis zum 2. Januar zu, um Heizkosten zu sparen. Es sei denn, es kommt ein Hochwasser. Dann müssen wir einrücken.''

Tatsächlich ist vieles denkbar am Ende dieses verregneten Jahres. Doch in dem jetzt vorgelegten ''Regionalbericht Grundwasser'' kommt die Gewässerdirektion Neckar zu dem Ergebnis, dass bereits 2001 ''ein überdurchschnittlich regenreiches Jahr war''. Die niederschlagsreichsten Monate seien der März, April, September, November und Dezember gewesen; mitunter hat die Regenmenge in diesen Monaten die Durchschnittswerte um mehr als ein Viertel überschritten.

Zwar liegen die Zahlen für das nun ablaufende Jahr 2002 noch nicht en détail vor, die Folgen der Klima- und Niederschlagsveränderung sind aber jetzt schon abzusehen. Denn neben punktuellen Ereignissen wie Überflutungen haben die Niederschläge auch Einfluss auf die Qualität des Grundwassers. ''Besonders auffällig ist, dass in allen fünf Land- und Stadtkreisen, die wir beobachten, die Belastung durch Nitrat an mehreren Messstellen erhöht ist'', sagt Carsten Scholz. Bis um das Dreifache überschreiten die aktuellen Messwerte den Grenzwert von 50 Milligramm pro Liter. ''Wir wollen den Leuten deswegen keine Angst machen'', sagt Wasserbauingenieur Scholz, ''aber wir wollen auch, dass unser Grundwasser sauber ist.''

Denn trotz der 1912 vom einstigen württembergischen König Wilhelm gegründeten Landeswasserversorgung und auch der Bodenseewasserversorgung, die ihren Dienst 1956 aufnahm, fördern zahlreiche Haushalte in der Region ihr Trinkwasser immer noch aus eigenen Brunnen. Wird dort aber ein erhöhter Nitratgehalt festgestellt, befürchten die Experten den Ausbruch von Krankheiten wie der Blausucht, die vor allem Babys und Kleinkinder betreffen könnten. ''Deswegen müssen wir immer wieder Brunnen abschalten'', sagt Carsten Scholz und nennt als hauptsächlichen Grund für die erhöhten Nitratwerte die intensive Flächenbearbeitung durch die Landwirte. ''Von der ausgebrachten Gülle oder dem Kunstdünger gelangt ein Teil ins Grundwasser, und es kann zwischen fünf und zwanzig Jahre dauern, bis ein einmal belastetes Grundwasser saniert ist'', sagt der Wasserbauingenieur.

Auffällig seien vor allem die erhöhten Werte im Landkreis Heilbronn und im Rems-Murr-Kreis, wo der Viehbestand noch dichter sei als in anderen Gegenden der Region. Gute Erfahrungen habe man dagegen in Landstrichen gemacht, die im Laufe der Zeit als Wasserschutzgebiete ausgewiesen worden sind. "Dort", sagt Scholz, "sind die Werte inzwischen gesunken. Aber sie tun das langsam. Wissen Sie, Grundwasser hat einfach ein langes Gedächtnis."


Quelle: Stuttgarter Zeitung
Autor: Holger Gayer
Ort: Stuttgart
Quellendatum: 27.12.2002
Seite: 26
Bearbeitungsdatum: 16.02.2006
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