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"The American Dream": Gründungsmythen der Kultur


"The American Dream", Gründungsmythen, Neue Welt, Besiedlung, "Garten Eden"

Bevor Amerika von den Europäern entdeckt wurde, war es schon von ihnen erfunden worden. Vorstellungen von einer besseren Neuen Welt im Westen waren fester Bestandteil der Vorstellungswelt der frühen Neuzeit und lieferten den europäischen Entdeckern und Eroberern Antrieb und Rechtfertigung für ihre Unternehmungen. Die Entdeckung des neuen Kontinents schien die Überzeugung zu bestätigen, dass der Fortschritt menschlicher Zivilisation dem Gang der Sonne von Osten nach Westen folge und somit der Besiedlung Amerikas ein neues Kapitel menschlicher Zivilisationsgeschichte aufgeschlagen werde. Als die Europäer auf den amerikanischen Kontinent stießen, meinten sie ihn daher bereits zu kennen. Sie behandelten und formten ihn nach dem Bilde, das sie mitbrachten: Die Pueblo-Siedlungen im Südwesten wurden für die Spanier zu den sieben goldenen Städten von Cibola, die indianischen Ureinwohner zu "Wilden", die der Missionierung bedurften, die tiefen undurchdringlichen Wälder für die Puritaner zur moralischen "Wildnis", das weite unberührte Land andererseits zum "Garten Eden". Die eigenen Vorstellungen wurden dem neuen Kontinent oft gewaltsam aufgezwungen, um Eroberung, Besiedlung und Vertreibung rechtfertigen zu können. Sie halfen der Neuen Welt Sinn abzugewinnen, lieferten Schutz vor der eigenen Angst in der Begegnung mit dem Fremden und dienten zur Rechtfertigung des eigenen Handelns. Einige dieser Vorstellungen waren so weit verbreitet und von so großer Anziehungskraft, dass sie zu nationalen Mythen wurden, die das Selbstbild der amerikanischen Gesellschaft, wenn auch in fortlaufender Anpassung an veränderte gesellschaftliche Realitäten, noch heute beeinflussen. Für das Verständnis der amerikanischen Gesellschaft und Kultur kommt ihnen daher eine zentrale Rolle zu. ...

Dementsprechend bilden die amerikanischen Gründungsmythen allesamt Erklärungsversuche der Entstehung und Merkmale einer spezifischen amerikanischen Identität. Das gilt für die puritanische Analogie zwischen ihrer Überfahrt nach Amerika und dem Auszug des Volkes Israel aus der ägyptischen Gefangenschaft ins Gelobte Land, durch die die Besiedlung des neuen Kontinents zum Teil eines göttlichen Heilplans wird und die Siedler zum "auserwählten Volk" (chosen people). Es gilt für den agrarisch-pastoralen Mythos von einem neuen Garten Eden fernab von europäischer Dekadenz und moralischer Korruption, durch den die Grundlage für eine Befreiung aus feudaler Abhängigkeit und für die Möglichkeit einer unabhängigen Existenz selbstbestimmter Individuen gegeben ist. Es gilt für den amerikanischen Erfolgsmythos (success myth), d. h. die Möglichkeit eines von Klassenschranken unbehinderten sozialen Aufstiegs, für die zentrale Bedeutung der Grenze zwischen Wildnis und Zivilisation (frontier), aus der sich die Chance einer individuellen "Wiedergeburt" ergibt wie auch die Aussicht auf eine freie, egalitäre Ordnung ohne zivilisatorischen Zwang; und es gilt schließlich auch für die Vorstellung eines "Schmelztiegels" (Melting Pot) verschiedener Völker, der den in ihrem Heimatland Verfolgten eine Zuflucht bietet und die Möglichkeit einer neuen Form des multiethnischen Zusammenlebens eröffnet. Insgesamt addieren sich diese Vorstellungen zu dem, was in den dreißiger Jahren dieses Jahrhunderts schließlich als "amerikanischer Traum" (American Dream) charakterisiert wurde, als ein Versprechen individueller Selbstentfaltung unabhängig von Geburt, Stand und ethnischer Zugehörigkeit.


Quelle: Länderbericht USA
Autor: Winfried Fluck: Kultur. In: Willi Paul Adams und Peter Lösche (Hrsg.): Länderbericht USA
Verlag: Bundeszentrale für politische Bildung
Ort: Bonn
Quellendatum: 1998
Seite: 725-726
Bearbeitungsdatum: 22.01.2006
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