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Infoblatt Strukturwandel im Ruhrgebiet


Ausgangssituation, Kohlekrise, Umstrukturierung des Ruhrgebietes



Anteil der Beschäftigten im Ruhrgebiet 1965 und 1994 (Klett)


Definition Strukturwandel

Unter einem Strukturwandel versteht man die Veränderung der relativen Anteile eines Sektors im Zeitverlauf. Man unterscheidet in der Wirtschaft drei Sektoren: den primären, sekundären und tertiären Sektor. Zum primären Sektor gehören die Land- und Forstwirtschaft, die Fischerei sowie der Bergbau. Unter dem sekundären Sektor werden das produzierende Gewerbe und die Industrie zusammengefasst. Der tertiäre Sektor umfasst alle Dienstleistungen. Während des Strukturwandels kommt es zu Veränderungen der Tätigkeits- und Berufsstrukturen in und zwischen den Sektoren – während neue Sektoren aufsteigen, kommt es zum Bedeutungsverlust älterer Branchen. Beschleunigt wird der Strukturwandel durch den technischen Fortschritt und den verschärften internationalen Wettbewerb.
Im Ruhrgebiet vollzog sich der Strukturwandel in den letzten Jahrzehnten vom Bergbau und der Industrie hin zur Dienstleistungsgesellschaft.


Ausgangssituation im Ruhrgebiet

An der Ruhr wird seit dem 18. Jahrhundert Kohle gefördert. Mit dem Einsatz der Industrialisierung im 19.Jahrhundert entwickelte sich das Ruhrgebiet zu einem industriellen Ballungsraum mit einer hohen Bevölkerungsdichte. Neben der im großen Maßstab betriebenen Kohleförderung war v. a. die stahlverarbeitende Industrie das zweite Standbein der Wirtschaft. Auch nach dem 2. Weltkrieg wurde an dieser "alten" Industrieform festgehalten. In Zeiten des Wiederaufbaus und des "Wirtschaftswunders" war das vorerst auch die richtige Entscheidung. Man benötigte nach dem Krieg viel Kohle, Stahl und Energie für den Aufbau von Industrieanlagen und Wohnungen.


Kohlekrise

Die Kohlekrise Ende der 1950er-Jahre wirkte sich besonders einschneidend auf das Ruhrgebiet aus. Auf einmal sanken die Preise und die Nachfrage nach der Ruhrkohle. Die Krise erschütterte das Selbstbewusstsein der Menschen. Über anderthalb Jahrhunderte lang gründete sich der wirtschaftliche und soziale Erfolg des Ruhrgebiets auf der Kohle. Ihre Fördermenge war der Gradmesser für den Wohlstand – auch außerhalb des Reviers. Die meisten Menschen bezogen direkt (im Bergbau) oder indirekt (in Folgeindustrien) ihr Einkommen von der Kohle. Ganze Städte und Kreise im Ruhrgebiet waren abhängig von Steuereinnahmen, die ihnen bis zu den 1950er-Jahren reichlich aus dem Bergbau zuflossen. Die Kohlekrise bedrohte die Existenzgrundlage vieler Menschen.
Es gab zwei Gründe für die Kohlekrise im Ruhrgebiet:
  • Monostruktur (Einseitigkeit) der Industrie des Reviers: Bereits Anfang der 1950er-Jahre lagen die Wachstumsraten der Ruhrwirtschaft im bundesweiten Vergleich unter dem Durchschnitt. Man benötigte zwar noch Kohle und Stahl, aber die eigentliche wirtschaftliche Dynamik vollzog sich in anderen Branchen und Regionen Deutschlands, z. B. in Süddeutschland, wo man sich auf moderne, neue Wirtschaftszweige (z. B. Automobilindustrie, Elektrotechnik) konzentrierte.
  • Sinkende Nachfrage nach der Ruhrkohle in Deutschland: In der Industrie und im Haushalt wurde die Ruhrkohle zunehmend ersetzt durch Erdöl und Importkohle von ausländischen Billiganbietern, z. B. Kanada, USA und China. Außerdem ging die Nachfrage nach Koks seitens der Stahlindustrie zurück.
Als Folge der Krise kam es zur Stilllegung vieler Zechen und zu Massenentlassungen. 1966 arbeiteten nur noch die Hälfte der Beschäftigten in Bergbau und Stahlindustrie. Das wirtschaftliche Wachstum kam völlig zum erliegen. Anderthalb Jahrhunderte lang profitierte die Region von der Monostruktur, nun erlag sie der Strukturkrise.


Reaktion auf die Krise

Die Reaktion der Wirtschaft und Politik auf die Krise war defensiv. Man wollte mit aller Macht an der alten Struktur festhalten. Statt sich an die neuen Marktbedingungen anzupassen, forderte die Politik die Sicherung der Kohlemärkte durch Verträge mit einheimischen Elektrizitätswerken und die Einschränkung der Öl- und Kohleimporte durch Zölle und Quoten. Freie Industrieflächen wurden von den Bergbaufirmen nicht an neue Unternehmen abgegeben. Man fürchtete die Konkurrenz neuer moderner Branchen, die sich nachteilig auf das eigene Lohnniveau auswirken könnten. Durch die Strategie des Abwartens und Beharrens wurde der frühzeitige strukturelle Wandel in den Jahren nach der Krise verpasst.


Die Wende im Ruhrgebiet

Die Monostruktur im Ruhrgebiet hatte auch Auswirkungen über den wirtschaftlichen Bereich hinaus. Anfang der 1960er-Jahre gab es im Ruhrgebiet keine Universität, von der aus innovative Impulse auf die Wirtschaft hätten ausgehen können (Bau der ersten Universität erst 1965 in Bochum). Die meisten Beschäftigten im Bergbau besaßen ein sehr niedriges Qualifikationsniveau. Viele Arbeiter hatten nur einen 8. Klasse-Abschluss und keine Lehre. Für die einfachen Tätigkeiten im Bergbau war das ausreichend. Außerdem wurden in all den Jahren das Nahverkehrssystem, die Gestaltung der Freizeitbereiche und die Landschaftspflege vernachlässigt.
Hier konnten marktwirtschaftliche Maßnahmen allein die Strukturprobleme nicht lösen. Also übernahm der Staat mit einem umfassenden Entwicklungsprogramm die wirtschaftliche Verantwortung und Modernisierung der Region. Das "Entwicklungsprogramm Ruhr, 1968" war der 1. Schritt weg vom passiven Krisenmanagement hin zur gezielten Umgestaltung des Ruhrgebiets. Das Programm sah die Ansiedlung von Wachstumsindustrien und Rationalisierungsmaßnahmen vor. Letztere wurden durch die Gründung der RAG (Ruhrkohle AG) eingeleitet. Deren Ziele waren die Zusammenfassung des zersplitterten Bergbaubesitzes, die Reduzierung von Überkapazitäten und die Verbesserung der Zechenauslöse.
In den 1980er-Jahren wurde der Wandel im Ruhrgebiet deutlich spürbar. Viele kleine dynamische Firmen siedelten sich an (z. B. im Bereich Biotechnik und Umweltwirtschaft) und steckten hohe Investitionen in die Forschung und Entwicklung.
In den 1990er-Jahren, in der Zeit des ersten Internet-Booms, kam es zur Gründung zahlreicher Internetfirmen und Telekommunikationsanbieter.
Beschleunigt wurden Modernisierungen und Innovationen durch den Bau von sechs Universitäten und vielen Technologiezentren sowie durch die Einrichtung der ZIM ("Zukunftsinitiative Montanunion").


Ruhrgebiet heute

Heute ist der Wandel vom Kohlerevier zur Dienstleistungsstruktur weitgehend abgeschlossen. 1990 arbeiteten bereits 55 % der Beschäftigten im tertiären Sektor, also im Handel, im Verkehr und in der Forschung, im Jahr 2010 waren es dann bereits 72 %.
Durch die strukturelle Anpassung der Wirtschaft und den Ausbau der Infrastruktur bleibt das Ruhrgebiet auch heute noch konkurrenzfähig. Zahlreiche Standortvorteile (z. B. viele hochqualifizierte Arbeitskräfte, verkehrsgünstige gut erschlossene Gewerbeflächen, dichter Absatzmarkt etc.) locken immer wieder neue Unternehmen in die Region.
Der Strukturwandel im Ruhrgebiet ist beeindruckend. Trotzdem sind längst nicht alle Probleme gelöst und immer noch nicht alle durch die Kohlekrise weggebrochenen Arbeitsplätze ersetzt.
Das Ruhrgebiet gilt nach wie vor als strukturschwache Region. Die Arbeitslosenquoten einzelner Städte im Ruhrgebiet (z. B. Duisburg, Dortmund) gehören zu den höchsten in den alten Bundesländern. Hinzu kommt die schwache Finanzlage der Ruhrgebietskommunen, die die Spielräume extrem einschränkt. So gilt die Stadt Oberhausen im Frühjahr 2012 als die am höchsten verschuldete Kommune Deutschlands. Aufgrund dieser Situation mehren sich auch die Stimmen, die ein Ende des Solidarpakts fordern, der noch bis 2019 laufen soll und für den sich die Ruhrgebietsstädte zuletzt immer weiter verschulden mussten. Stattdessen wird eine "Förderung unabhängig von der Himmelsrichtung" und allein aufgrund der Bedürftigkeit gefordert - in deren Genuss würden dann auch zahlreiche Städte der Region im Jahr 2012 gelangen.


Quelle: Geographie Infothek
Autor: Sabine Seidel, Christian Neuhaus
Verlag: Klett
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2003/2012
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 20.03.2012
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