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Infoblatt Wirtschaftsräume in Europa - Die Blaue Banane


Hintergrund, Zweck und Folgen dieses Wirtschaftskorridors



Wirtschaftsräume in Europa (Klett)


Hintergrund

Für die Verdeutlichung der verdichteten Räume in Europa wurde eine einprägsame Darstellungsform gewählt: die "Blaue Banane". Das Grundmodell der Blauen Banane erstreckt sich von London über Randstad Holland, Brüssel, Rhein-Ruhr, Rhein-Main, Rhein-Neckar, Oberrhein, Basel / Zürich bis nach Oberitalien (Mailand, Turin, Genua). Entwickelt wurde dieses Modell 1989 vom Franzosen Roger Brunet, der bewusst die dynamischen Wirtschaftszentren Ile de France (Paris) und Lyon/Marseille aussparte. Sein Anliegen war nämlich eine Warnung an die französische Regierung, den Anschluss an die europäische Integration nicht zu verpassen.
Entstanden ist das Modell aus einer Untersuchung über das europäische Städtesystem. Innerhalb dieses Gürtels befinden sich die wichtigsten Produktionsstätten Europas. Damit werden die altindustriellen Räume von Mittelengland und Ruhrgebiet genauso eingeschlossen, wie das prosperierende Industriedreieck in Oberitalien. Die wirtschaftliche Stärke der Blauen Banane liegt jedoch nicht nur im produzierenden Sektor, sondern auch im tertiären Bereich. Ein Großteil der institutionellen Zentren der EU sowie fünf Hauptstädte, die als Verwaltungszentren fungieren, befinden sich im Bereich der Euro-Banane. Neben der wirtschaftlichen Stärke gilt auch die hohe Bevölkerungskonzentration als weiteres Abgrenzungskriterium. So lebten zeitweise ca. 40 % der EU-Bevölkerung innerhalb des Gürtels.


Zweck und Folgen

Ursprünglich sollte das Modell auf die Defizite in der französischen Raumordnungs- und Regionalpolitik hinweisen. Relativ schnell wurde die Blaue Banane jedoch von wissenschaftlichen und nichtwissenschaftlichen Publikationen aufgegriffen, um die räumlichen Folgen der europäischen Integration zu verdeutlichen. Nahezu inflatorisch wird das Modell nun bei Aussagen über den Entwicklungsstand und Entwicklungsmöglichkeiten der EU-Wirtschaftszentren und Kernregionen verwendet. Häufig werben beispielsweise Städte mit ihrer Lage innerhalb der Blauen Banane als Standortvorteil für Unternehmensansiedlungen. Ebenso hat dieser Wirtschaftskorridor die grenzüberschreitende Zusammenarbeit und die Entstehung der sog. Euregios begünstigt. Die Voraussetzung dafür wurde allerdings von anderen Ebenen ermöglicht, z. B. durch die Schaffung eines europäischen Binnenmarktes. Dadurch wurde die Zusammenarbeit zwischen Wirtschaftsräumen möglich, die sich vorher durch die Nähe zur Landesgrenze in einer räumlichen Randlage befanden.
Bemängelt wird am Modell der Blauen Banane die kritiklose Übernahme als Raumentwicklungsmodell, das längst eine gewisse Eigendynamik entwickelt hat. Die Konzentration auf die wirtschaftlich stärksten Zentren führt zu einer weiteren Polarisierung innerhalb des europäischen Städtesystems. Die strukturschwachen und der Blauen Banane fernen Regionen, so die Kritiker, fallen dann im zunehmenden Wettbewerb der Schwerpunktregionen weiter zurück. Beispielsweise werden die Kommunikationsnetze und Hochgeschwindigkeitsstrecken eben dort zuerst ausgebaut, wo die entsprechende Nachfrage herrscht. Die künftige Alpentransversale, eine neue Hochgeschwindigkeitsverbindung der Bahn, wird die europäische Nord-Süd-Ausrichtung der wirtschaftlichen Entwicklung verstärken. Nicht zuletzt ergeben sich auch Nachteile aus der konzentrierten Verdichtung. Unmittelbare Folgen sind steigende Bodenpreise, erhöhte Umweltbelastungen, enorme Verkehrsprobleme und eine weitere Zersiedlung des Umlandes der Kernstädte. Dagegen verstärken sich die Entleerungstendenzen in peripheren Regionen wie z. B. Zentralfrankreich und den Neuen Bundesländern.


Weitere Modelle

Das Modell der Blauen Banane wurde später noch durch andere Achsen ergänzt. Eine weitere "Banane" wurde um den nordwestlichen Mittelmeerraum konstruiert. Diese sog. "Goldene Banane" erstreckt sich an der Mittelmeerküste entlang der Schwerpunktregionen Katalonien, Provence / Cote d´Azur bis nach Genua in Italien. In diesem Raum wird – analog zum amerikanischen sunbelt – die Bildung eines europäischen sunbelts erwartet. Als Standortvorteil wird das günstige Klima propagiert. In einem hohen Maße sind gegenwärtig bereits zahlreiche Unternehmen der Hightech Industrie, der Luftfahrtindustrie und der Elektronischen Industrie in der "Mittelmeer-Banane" konzentriert. Manchmal wird dieses Gebiet auch als Siliziumgürtel Europas bezeichnet. Als weitere Metapher für die Darstellung des europäischen Städtesystems und der wirtschaftlichen Schwerpunkträume wird der "Blaue Stern" verwendet. Dieses Modell beinhaltet zwar auch die Wirtschaftszentren der Blauen und Goldenen Banane, ist aber um einige Entwicklungsachsen nach Osten ergänzt. Vor allem hinsichtlich der EU-Osterweiterung verlaufen die Entwicklungsachsen und ausgewiesenen Verdichtungsräume beispielsweise über Hamburg-Kopenhagen, Berlin-Warschau und München-Wien-Bratislava-Budapest. Ein Korridor verläuft von Paris bis nach Madrid. Das Zentrum bietet die Metropolregion Rhein-Ruhr und die Agglomerationen der Niederlande und Belgiens. Diese bildhaften Modelle haben eine gemeinsame Aussage: Alle Städte, die nicht in einem solchen Korridor liegen bzw. angeschlossen sind, haben im Wettbewerb der Wirtschaftsräume schlechtere Chancen.

Die Polarisierung innerhalb Europas nimmt tatsächlich weiter zu, was nicht nur in dem steten Zustrom qualifizierter Arbeitskräfte und dem damit verbundenen Wachstum der Region begründet liegt. Als Verliererregionen gelten ländliche und entlegene (periphere) Gebiete, besonders in Osteuropa. Außerdem beschränken sich hochindustrielle Förderungen ausschließlich auf die Verdichtungsräume, so dass diese weiterhin an Attraktivität gewinnen. Bekannt ist auch, dass die Prozesse der Globalisierung die Zentralität der Verdichtungsgebiete zu einem entscheidenden Wachstumsfaktor werden lassen.


Literatur

DREY, F. (1992): Europäische Raumordnungspolitik. Kompetenzen, Konzepte,
Konferenzen.- Geographische Rundschau 44 (12), S. 682-685.
IAURIF (Institut d' ile de France) (1991): La charte de l'ile de France.- Paris.
OTT, Th. (1993): GIS in der Anthropogeographie. Regionale Disparitäten und Städtesystem in Europa.- Materialien zur Geographie 22, Mannheim.
SINZ, M. (1992): Europäische Integration und Raumentwicklung in Deutschland.- Geographische Rundschau 44 (12), S. 686-690.


Quelle: Geographie Infothek
Autor: Mirko Ellrich
Verlag: Klett
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2004
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 25.02.2014
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