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Lateinamerika: Vom Einwanderungs- zum Auswanderungskontinent


Über Jahrhunderte war Lateinamerika ein bevorzugtes Einwanderungsziel besonders für Menschen aus europäischen Ländern. Seit Mitte des 20. Jahrhunderts haben sich die Migrationsströme umgekehrt: Mehr Menschen verlassen den Kontinent, als Einwanderer aufgenommen werden. Das wichtigste Auswanderungsziel ist - nach den USA - Europa, und hier vor allem die südeuropäischen Länder Spanien, Portugal und Italien.


Einwanderung aus Europa

Zusammen bzw. im Gefolge der Konquistadoren strömten im 15. und 16. Jahrhundert tausende Kolonialfunktionäre, Bauern, Handwerker und Landarbeiter aus Europa nach Lateinamerika. Während Briten, Franzosen und Niederländer sich bevorzugt im karibischen Raum niederließen, zog es die Spanier und Portugiesen vornehmlich nach Mexiko und in die südamerikanischen Länder. Mit der Ausbreitung der kolonialen Plantagenwirtschaft in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts kam es zur Zwangsmigration von schätzungsweise 8 Mio. Afrikanern, die als Sklaven auf den Zuckerrohrplantagen der Karibik und Brasiliens, den Baumwollfeldern Nordostbrasiliens und den Kautschukplantagen Amazoniens unter dem Joch der vornehmlich europäischen Großgrundbesitzer und der Kreolen, d.h. der im Land geborenen Nachfahren der europäischen Eroberer, eingesetzt wurden.
In der Folgezeit ebbten die Einwanderungsströme vorübergehend ab, hatten jedenfalls keinen nennenswerten Anteil mehr am Bevölkerungswachstum der lateinamerikanischen Länder. Erst nach dem Ende der Unabhängigkeitskriege (1820 - 1825) begann eine neue Immigrationsphase aus Übersee. Diese verlief in Schüben, beeinflusst von den politischen und wirtschaftlichen Verhältnissen in den Herkunftsgebieten bzw. der unterschiedlichen Attraktivität und Einwanderungspolitik der Zielländer. Da die Hochländer der Anden wenig attraktiv und bereits relativ dicht besiedelt waren, zog es die meisten Immigranten nach Brasilien, Argentinien, Chile, Paraguay und Uruguay. Nach Schätzungen wanderten bis zum Ausbruch des Ersten Weltkrieges 11 Mio. Menschen in die Länder Südamerikas, davon etwa 7 Mio. allein nach Argentinien. In den meisten Länder überwogen am Ende des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts Südeuropäer, unter ihnen besonders Italiener, gefolgt von Portugiesen und Spaniern.
Einige Daten für Brasilien und Argentinien verdeutlichen die damalige Situation. Zwischen 1884 und 1893 nahm Brasilien insgesamt ca. 884.000 Migranten aus Übersee auf, davon 58 % aus Italien, 19 % aus Portugal und 13 % aus Spanien. In Argentinien waren es allein im Zeitraum 1901 bis 1910 1,7 Mio. ebenfalls vornehmlich aus den europäischen Mittelmeerländern Italien, Spanien und Portugal. Von den 1,7 Mio. wanderten allerdings 600.000 später wieder aus. Die hohe Rückwanderungsquote erklärt sich dadurch erklären, dass zu den Einwanderern auch Saisonarbeiter gezählt wurden, insbesondere süditalienische und spanische Landarbeiter. Erst zu Beginn des 20. Jahrhunderts nahmen die Anteile von Mitteleuropäern zu - unter ihnen viele Deutsche.
Getrieben wurden die Auswanderer vor allem von den sozialen und wirtschaftlichen Missständen in Europa: Landarmut, Missernten, hohe Arbeitslosigkeit unter den Handwerkern und den Arbeitern kleiner Industriebetriebe im Gefolge der Industrialisierung und Mechanisierung der gewerblichen Produktion. Emigranten aus Deutschland ließen sich vor allem in den außertropischen Regionen Südamerikas nieder: 1,5 Mio. in Südbrasilien, 0,4 Mio. in Argentinien, 0,1 Mio. in Paraguay.
Mit der großen Einwanderungswelle nach dem Ersten Weltkrieg kamen außer Russlanddeutschen, Balten und Emigranten aus den Balkanländern auch viele Vorderasiaten und Japaner nach Südamerika, sodass sich, was die Zusammensetzung anbetrifft, ein sehr heterogenes Bild ergab. Die Herkunft der Einwanderer war insofern von großer Bedeutung für die lateinamerikanischen Länder, als diese die wirtschaftliche und politische Entwicklung in den Zielländern wesentlich mit bestimmten, z.B. Stil der Landerschließung, Entwicklung von Handel und Gewerbe oder sozialrevolutionäre Bewegungen.
Nach dem Zweiten Weltkrieg waren die Migrationsbewegungen vor allem von politischen Motiven getragen. Nach 1933 flohen Tausende deutsche Juden nach Südamerika, um der Verfolgung der Nazis zu entgehen. Nach Kriegsende folgten ihnen - es mutet gleichsam wie eine Ironie der Geschichte an - zahlreiche Nazi-Größen, die mit falscher Identität ein Versteck in Argentinien, Chile oder Paraguay suchten.


Lateinamerikanische Migration in die USA und nach Europa

Seit Mitte des 20. Jahrhunderts haben sich die Migrationsströme umgekehrt: Lateinamerika wurde zum Auswanderungskontinent. Die Gründe für die Auswanderung sind - wie bei den Einwanderungsströmen zuvor - vornehmlich ökonomischer und politischer Art: Flucht vor den wirtschaftlichen und sozialen Missständen (die lateinamerikanischen Staaten zählten zu dieser Zeit ausnahmslos zur Gruppe der Entwicklungsländer) und Flucht vor den politischen Unruhen im Zuge revolutionäre Bewegungen, wie z.B. in Mexiko und Kuba, und vor den Morden, Foltern und Repressionen durch die autoritären Willkürregime in einzelnen Ländern.


Migrationsziel USA

Die zahlenmäßig stärkste Migrationsbewegung ist die der Mexikaner in die USA. Als im Zweiten Weltkrieg in den USA Arbeitskräfte knapp wurden, schlossen die Regierungen der USA und Mexikos 1942 das sogenannte "Bracero-Programm". Es ermöglichte 4 - 5 Mio. Mexikanern als Gastarbeiter in die USA zu arbeiten, vornehmlich in kalifornischen Landwirtschaftbetrieben. 1967 wurde das Programm im Zuge der Technisierung der Landwirtschaft und der Zunahme an Arbeitskräften offiziell für beendet erklärt. Die meisten Mexikaner kehrten jedoch nicht mehr nach Mexiko zurück. Im Gegenteil: sie zogen andere nach, für die es aufgrund der sozialen Netze leichter war, in dem neuen Land Fuß zu fassen - auch wenn die überwiegende Mehrzahl von ihnen illegal und unter Lebensgefahr die Grenze zu den USA, den sogenannten "Tortilla Curtain", überwinden mussten. Schätzungen zufolge sterben jährlich bis zu 500 Mexikaner bei ihrem Versuch die Grenze zu überqueren. Dennoch hält der Zustrom illegaler Einwanderer unvermindert an. Viele Einwanderer kommen außer aus Mexiko aus den Bürgerkriegsländern El Salvador, Guatemala und Honduras. Inzwischen stellen die „Latinos“, wie die eingewanderten Lateinamerikaner in den USA genannt werden, mit 16,3 Prozent die größte rassische Minorität in den USA dar, noch vor den Schwarzen.


Latino-Bevölkerung in den USA

Jahr Anzahl (Mio.)
Prozent der Bevölkerung

1950 4,039 2,6
1960 6,346 3,5
1970 9,161 4,7
1980 14,608 6,4
1990 22,354 9,0
2000 30,271 10,9
2010 50,478 16,3

Quelle: U.S. Census Bureau; unter: www.census.gov


Migrationsziel Europa

Seit Beginn dieses Jahrhunderts ist auch Europa für viele Menschen aus Südamerika ein beliebtes Einreiseziel. Die meisten Migranten zieht es nach Spanien. Aufgrund der gemeinsamen Sprache und ähnlicher Kultur und Lebensformen fällt es ihnen nicht schwer, sich in Spanien zu integrieren. Wie die Spanier sind die meisten von Ihnen katholisch. Manche der Einwanderer sind Mestizen, Enkelkinder von nach Lateinamerika ausgewanderten Spaniern. Lange Zeit erhielten sie relativ leicht die spanische Staatsbürgerschaft – zumindest solang es dem Land wirtschaftlich gut ging und Arbeitskräfte knapp waren. Allein seit dem Jahre 2000 hat sich die Zahl der nach Spanien eingewanderten Lateinamerikaner von ca. 200.000 auf geschätzte 1,4 Mio. erhöht. Genaue Daten liegen allerdings nicht vor, das sich viele von ihnen inzwischen illegal im Lande aufhalten. Zumeist reisen sie als Touristen in ein Land der EU ein, um von dort aus unkontrolliert die Grenze nach Spanien überqueren zu können. Seitdem jedoch für die Einreise Einladungs- oder Garantieschreiben vorgelegt werden müssen, nimmt die Zahl der illegal Eingewanderten deutlich ab.


Literatur

Hoffmann, Bert: Migration, Flucht, Exil: Vom Einwanderungs- zum Auswanderungskontinent. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Lateinamerika verstehen Lernen. Bonn 2011, S. 219 - 242
Schoop, Wolfgang: Lateinamerika. Brauschweig 2008, Kap. 4.2.3 Europäische Einwanderung (S. 64 - 65) und Kap. 6.3.1 Die lateinamerikanische Emigration (S. 100 - 101)


Quelle: Geographie Infothek
Autor: Norbert von der Ruhren
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2012
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 20.02.2012
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