Nauru - der jähe Absturz einer Südseeinsel


Mit einer Fläche von 21,2 km² und einer Einwohnerzahl von 10.175 (2011) ist Nauru der drittkleinste Staat der Erde. Noch bis in die 1990er Jahre gehörte das Land nicht nur zu den reichsten Staaten im Pazifik, sondern in der Welt überhaupt, vergleichbar mit den reichen Öl-Emiraten im Nahen Osten. Sein Schicksal ist leider einzigartig. Herrschte in den 1970er und 1980er Jahren noch immenser Reichtum auf der kleinen Koralleninsel Nauru, so leben seine Bewohner heute im Chaos eines bankrotten Staates. Grundlage des ursprünglichen Reichtums war Phosphat, entstanden aus Vogelkot, der sich in einer mächtigen Schicht auf der Tropeninsel abgelagert hatte. Mit dem Ende der Reserven kam auch das Ende des Wohlstands. Wieder einmal bestätigte sich der "Ressourcenfluch": Reichtum an natürlichen Ressourcen bringt einem Land nicht unbedingt Wohlstand, sondern hat häufig immense negative Folgen sowohl für die Wirtschaft des Landes wie auch für den Lebensstandard seiner Bewohner.

Interaktive Satellitenkarte von Nauru (Google)


Geschichtlicher Rückblick: Nauru - Spielball der Kolonialmächte

Im Jahre 1888 hatte das deutsche Kaiserreich nach einem zwei Jahre zuvor mit Großbritannien geschlossenem Abkommen die Insel annektiert. Die Begründung lautete: Schutz der deutschen Seefahrer. Von den riesigen Phosphatvorkommen wusste man damals noch nicht. Erst als diese 1890 entdeck wurden, beteiligte sich Deutschland am Abbau. Nach langwierigen Verträgen sicherte sich Anfang des 20. Jahrhunderts eine britische Gesellschaft die Rechte zum Abbau. Deutschland wurde mit einer bescheidenen Dividende abgespeist, die Einwohner Naurus gingen leer aus. Die Phosphatvorkommen riefen jedoch schon bald Begehrlichkeiten auch bei anderen Staaten hervor und so wurde im Ersten Weltkrieg die Insel zum Zankapfel zwischen den Großmächten. 1914 annektierte Australien die Insel und das Land begann sogleich mit dem Abbau der Phosphatvorkommen in großem Stil – als Dünger für seine Weizenmonokulturen. 1919 wurde schließlich ein Abkommen zwischen Australien, Großbritannien und Neuseeland geschlossen, von dem alle drei Staaten profitierten. Nauru wurde britisches Mandatsgebiet, aber von Australien verwaltet. Mehr und mehr entwickelten sich die Phosphatvorkommen zum Fluch, zumal aus ihnen nicht nur Dünger hergestellt werden konnte, sondern auch Sprengstoff. So wurde schließlich die kleine Insel in beide Weltkriege hineingezogen. 1940 zerschossen deutsche Kriegsschiffe die Verladeanlagen und versenkten australische und neuseeländische Frachter. Zwei Jahre später eroberten japanische Truppen die Insel und machten sie zu einer Versorgungsbasis für ihre Kriegsschiffe. Als die USA begannen, die Insel zu bombardieren, deportierten die Japaner fast die gesamte Inselbevölkerung auf das Chook Atoll in Mikronesien. Andere wurden als Arbeiter auf die Karolineninseln deportiert, von denen nur ein Bruchteil überlebte und nach Kriegsende auf die verwüstete Heimatinsel zurückkehrte. Nach dem Krieg wurde der Phosphatabbau in großem Stil weiter betrieben, allerdings auf der Basis der alten Verträge: Das Monopol blieb bei der britischen Phosphatgesellschaft, die Gewinne flossen an die drei Aktionäre Großbritannien, Australien und Neuseeland, die Naururer gingen wieder einmal leer aus.
1968 wurde das Land schließlich von Australien unabhängig und völkerrechtlich eine souveräne Republik. Zwei Jahre später verstaatlichte die Regierung den Phosphatabbau und führte ihn in eigener Regie durch. In dem Maße, wie die Weltmarktpreise für Phosphat stiegen, stiegen auch die Deviseneinnahmen des Staates. Nauru wurde, gemessen am Pro-Kopf-Einkommen, zum zweitreichsten Staat der Welt.


Reichtum auf Vogelmist gebaut

In seinem Buch "Nauru, die verwüstete Insel" schildert der Verfasser Luc Folliet anschaulich den Reichtum, den der Phosphatabbau und -verkauf dem Inselstaat brachte. Die Einwohner bezahlten weder Steuern noch Gebühren für öffentliche Dienstleistungen. Strom, Wasser und medizinische Behandlung waren kostenfrei. Jeder Naururer besaß im Schnitt zwei bis drei Autos (bei nur 29 Kilometern asphaltierter Straße) und ein Motorboot. Importgüter waren zollfrei, oder die Naururer reisten um die Welt, um sich im Ausland die teuersten Autos, Motorboote und Hifi-Anlagen zu kaufen. Die reichsten unter ihnen bauten sich Villen, andere wohnten in Häusern, die der Staat für eine symbolische Miete von umgerechnet 10 € im Monat zur Verfügung stellte. Arbeitslosigkeit gab es nicht, jedenfalls nicht in unserem Sinne. Wer arbeitet schon, wenn das Leben fast kostenlos ist?
Der Staat lebte seinen Bürgern den dekadenten Haushalt vor. Er zahlte praktisch alles und bildete einen Kapitalfonds, mit dem Immobilien und Aktien in den Nachbarstaaten sowie in Australien und den USA erworben wurden, so mehrere Hotels, ganze Stadtviertel und einen Wolkenkratzer in Melbourne, das Nauru House, dort abschätzig birdshit tower genannt. Die Regierung schuf zahlreiche unnütze, aber gut bezahlte Stellen und beschäftigte ein Heer von Polizisten, obwohl es kaum Kriminalität gab. Allein die Verwaltung des kleinen Inselstaats mit seinen zehntausend Einwohnern verschlang jährlich 50 Mio. australische Dollar. Man gönnte sich eine eigene Fluggesellschaft, deren Flugzeuge allerdings oft leer blieben, und gründete eine eigene Schifffahrtslinie, mit sieben großen Schiffen und einer Gesamttonnage von 65777 BRT die größte Flotte unter den pazifischen Inselstaaten.
Der Reichtum beruhte, wie bereits gesagt, ausschließlich auf dem Vogelmist, der die Insel meterhoch bedeckte und sich in chemischer Verbindung mit dem Riffkalk zu Phosphat umgewandelt hatte, einem Phosphat mit dem höchsten Reinheitsgrad in der Welt. Er wird zu 100 Prozent exportiert, vor allem nach Australien und Neuseeland, wo er zur Herstellung von mineralischen Kunstdünger verwendet wird. Binnenwirtschaftlich ist der Phosphatabbau jedoch ein Fremdkörper: "Nicht einmal acht Prozent der hier Beschäftigten kommen aus Nauru, sondern aus Kiribati, Tuvalu, Hongkong und den Philippinen. Die Einbeziehung anderer ökonomischer Indikatoren lässt Nauru also in hohem Maße abhängig und verwundbar erscheinen." (W. Hennings).


Das Ende des Traums vom unermesslichen Reichtum

Der ungehemmte Raubbau an der Ressource Phosphat führte dazu, dass um die Jahrhundertwende die Vorräte praktisch erschöpft waren. Deswegen und als Folge gravierender Fehlinvestitionen und korrupter Geschäfte der Regierung in den 1990er Jahren verlor der Staat fast seinen gesamten Reichtum und fiel auf den Stand eines Entwicklungslandes zurück. Regelmäßig bewegt sich das Land seitdem am Rande des Bankrotts. Gestrichen sind die zahlreichen Vergünstigungen für die Bürger, die Arbeitslosigkeit stieg rapide an, sodass viele Menschen wieder vom kargen Fischfang leben müssen. Die Strom- und Wasserversorgung, beide abhängig von teuren Importen, ist rationiert und bricht immer wieder zusammen. Die staatliche Fluggesellschaft musste 2005 den Betrieb einstellen, da sie sich den Treibstoff oder Reparaturen nicht leisten konnte. So war die Insel zeitweise nur auf dem Seeweg zu erreichen, ehe die in Our Airline umbenannte Fluggesellschaft dank finanzieller Unterstützung aus Taiwan 2006 den Betrieb wieder aufnehmen konnte. Die meisten Investitionen im Ausland erwiesen sich als defizitär. Sie werfen kaum Rendite ab und müssen, wie die Fluglinie und die Schifffahrtsflotte, stark subventioniert werden.
Der Staat war gezwungen, nach neuen Einnahmequelle zu suchen. Nauru erlangte den zweifelhaften Ruf, Paradies für Briefkastenfirmen, Steuerflüchtlinge und Geldwäscher zu sein. Man sagt, dass allein die russische Mafia dort 70 Mrd. Dollar gewaschen hat. Erst auf internationalem Druck und nachdem Sanktionen durch die OECD verhängt wurden und Nauru auf die schwarze Liste der Geldwäscheoasen gesetzt wurde, widerrief das Land im Jahr 2003 fast 450 Lizenzen für dubiose Banken. Einen Großteil der Staatseinnahmen bestreitet das Land mit Zahlungen aus Australien, z.B. dafür, dass es afghanische Flüchtlinge und Hunderte boat people aufnahm, die Australien nicht in seinen Auffanglagern haben wollte. Inzwischen wurden die Auffanglager auf Nauru jedoch geschlossen.
Nicht minder gravierend sind die ökologischen Folgen des Phosphatraubbaus. Hatten die Japaner nach dem Zweiten Weltkrieg bereits eine verwüstete Landschaft hinterlassen, auch bedingt durch die Bombardierung durch die Amerikaner, so gleichen weite Gebiete der Insel heute nach Ende des Phosphatabbaus eher einer Mondlandschaft. Durch den Tagebau mit modernsten Maschinen sind etwa 80 % der Insel ihres Mutterbodens beraubt und somit völlig unfruchtbar. Ein marktorientierter Ackerbau ist auf diesen Flächen, auch auf lange Sicht, nicht möglich. Als nahezu einzige Erwerbsquelle bleiben für die Zukunft der Fischfang und die Fischverarbeitung.
Was blieb übrig vom Phosphatboom? Das Land ist verwüstet, der Staat bankrott, die Bevölkerung verarmt. Der kurzfristige Reichtum und die ungesunde Lebensweise haben die Menschen krank gemacht. Nauru ist heute das Land mit dem höchsten Anteil an Diabeteskranken in der Welt.


Literatur

  • Folliet, Luc: Nauru, die verwüstete Insel – Wie der Kapitalismus das reichste Land der Erde zerstörte. Berlin: Wagenbach 2011
  • Gunkel, Christoph: Pazifikinsel Nauru. Mist, waren die reich! Spiegel online unter: http://einestages.spiegel.de/external/ShowTopicAlbumBackground/a22667/19/10/F.html
  • Hennings, Werner: Westsamoa in der pazifischen Inselwelt. Perthes Länderprofile. Gotha: Klett-Perthes 1996; hier das Kapitel 10.3.1: Nauru: ein Beispiel für vollständigen ökonomischen, gesellschaftlichen und ökologischen Ruin, S. 148 - 151



Quelle: Geographie Infothek
Autor: Norbert von der Ruhren
Verlag: Klett
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2012
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 25.04.2012