Station 6 - Gassen und Verkehrswege


(Die frühere Google Maps Anwendung benötigte zur Ausführung veraltete Technik, die von den meisten Browsern nicht mehr unterstützt wird. Deshalb wurde die Anwendung entfernt. Wir danken für Ihr Verständnis.)

Nachdem wir auf Carlinhos‘ Dach eine beeindruckende Panoramaaussicht der gesamten Favela bestaunen konnten, geht es nun mit dem Guide hinein in das Wirrwarr der kleinen, engen Gassen (= 'Beco' auf Portugiesisch), in denen man sich als Ortsunkundiger leicht verlaufen kann.
Hier ist kaum Platz für zwei nebeneinander laufende Menschen, deswegen gab der Guide schon am Eingang in das Gassengewirr die Anweisung an die Gruppe, hintereinander zu laufen und das nur auf der linken Seite, so dass die Bewohner notfalls ohne Probleme rechts überholen konnten.
Schnell fällt uns übelriechender Geruch auf. Durch den Guide erfahren wir, dass es im Labyrinth der Gassen keine Müllabfuhr gibt und dass es auch unmöglich ist, andere Dienstleistungen, beispielsweise die Postverteilung, konventionell zu organisieren.


Becos



(Fochtmann)

Weder für Bus, Taxi noch Motorrad erreichbar: Die Häuser der meisten Bewohner liegen nicht direkt an der Hauptstraße Estrada da Gávea, sondern entlang einer der Becos, die sich eng und steil durch die Favela winden.


Baumaterial



(Fochtmann)

Rocinha war lange Zeit eine illegale Siedlung und bestand fast ausschließlich aus Holz- und Plastikhütten. Die Bewohner nutzten zum Bauen einfach das Material, dass sie finden konnten und sie kein Vermögen kosten würde, zumal es nicht sicher war, ob sie ihr Haus behalten konnten. Ab und an wurden illegale Siedlung zwangsgeräumt und die Bewohner mussten an anderer Stelle eine neue Bleibe finden. Mit der offiziellen Anerkennung von Rocinha als Stadtteil im Jahre 1993 verschwand die Angst vor Zwangsräumungen und die meisten Bewohner bauten ab diesem Zeitpunkt mit Beton. Heutzutage sind die meisten der Häuser aus Beton, nur die ganz armen Menschen, meist Neuankömmlinge aus den armen Regionen des Nordosten Brasiliens, leben noch in ursprünglichen Hütten.


Bauweise



(Fochtmann)

Da Rocinha am Hang eines Berges liegt und jede freie Fläche bebaut ist, wird zunehmend in die Höhe gebaut. Mitunter gibt es bis zu siebenstöckige Häuser, die sich kaum mehr von denen der Mittelklassestadtteile unterscheiden.


Logistik



(Fochtmann)

Da die Gassen zu schmal für Transportfahrzeuge sind, müssen schwere Behältnisse wie z. B. die Gasbehälter von Hand mehrere hundert Meter den Berg hinauf oder herunter getragen werden.


Geführte Touren



(Fochtmann)

Touristen laufen durch die engen Gassen der Favela. Touristengruppen von 10 - 15 Personen werden von den Bewohnern ungern gesehen, da diese oftmals die Gasse oder den Zugang zu ihrem Haus versperren.


Postwesen



(Fochtmann)

Der Guide erklärt den Touristen die Auslieferung der Post in der Favela:
Am Eingang der meisten Gassen gibt es einen kleinen hölzernen Kasten, in welchem die Post vom Briefträger abgelegt wird und von dem sich die umliegende Bewohnerschaft ihre Post abholen kann. Außerdem dienen einige Geschäfte auf der Hauptverkehrsstraße als Postablagestelle. Manchmal wird von den Bewohnern eines Viertels auch ein Freiwilliger bestimmt, der sich im Viertel auskennt und für einen kleinen Lohn die Post an die Bewohner ausliefert. Dieses System funktioniert recht gut, nur leider können Wertgegenstände, wichtige Dokumente oder Bestellungen aus dem Internet auf diesem Wege leicht verloren gehen, da jeder Zugriff auf die Ablegestellen hat. Glücklich ist daher, wer Freunde in den reicheren Vierteln hat (oder als Dienstmädchen dort arbeitet und einen wohlwollenden Chef hat), welche die wichtige Post an ihre Adresse senden lassen.


Estrada da Gávea



(Fochtmann)

Müllplatz an der Estrada da Gávea, die einzige Straße der Favela, welche uneingeschränkt von Autos, Motorrädern und sogar Bussen des öffentlichen Nahverkehrs befahren werden kann und so auch erreichbar für die städtische Müllabfuhr ist.


Abfallentsorgung



(Fochtmann)

Die Hauptstraße wird dreimal in der Woche von der städtische Müllabfuhr bedient, doch gibt es in den Gassen keine Mülleimer oder ähnliche Behälter und selbst auf der Hauptverkehrsstraße wird der Müll nicht in Container gesteckt, sondern einfach auf ausgewiesene Stellen am Straßenrand geworfen. Man kann sich vorstellen, wie es in der Umgebung dieser Plätze riecht. Hinzu kommt, dass der Müll bei starken Regengüssen durch die Straßen geschwemmt wird und diese dann von Müll übersäht sind, sobald es trocknet.
Einige Bewohner, vor allem der ärmeren Holzhütten am höchsten Punkt der Favela, behelfen sich, indem sie den Müll einfach verbrennen. Ein risikoreiches Unterfangen, nicht nur wegen der giftigen Dämpfe, sondern auch aufgrund des hohen Brandrisikos. So brachte z. B. ein von den Bewohnern zur Müllbeseitigung gelegtes Feuer Anfang des Jahres 2011 15 Familien um ihr Hab und Gut.


Quelle: Geographie Infothek
Autor: Kay Fochtmann
Verlag: Klett
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2011
Seite: www.klett.de
Bearbeitungsdatum: 21.11.2011