Ausgewählte Syndrome


Hintergründe zu ausgewählten Syndromen in verschiedenen Landschaftszonen

Zu einem zentralen Begriff im Komplex "System Erde-Mensch" ist der des "Global Change" geworden. Gemeint sind damit die großen globalen Umweltveränderungen, z. B. der Klimawandel, die globalen Umwelteinwirkungen von chemischen Stoffen, die Gefährdung der Weltmeere, die Bodendegradation, der Verlust biologischer Vielfalt und Entwaldung oder die Süßwasserverknappung und Süßwasserverschmutzung.
Global Change wird damit zu einer Schnittstelle von naturwissenschaftlicher und gesellschaftswissenschaftlicher Betrachtung, da der globale Umweltwandel von ökonomischen und politischen Kräften bestimmt wird und seine Auswirkungen die künftige Entwicklung der Menschheit entscheidend beeinflussen werden. Einen Ausdruck dieser integrierten Betrachtungsweise stellt dabei der Syndromansatz dar.



Syndrome - eine Übersicht (nach Wissenschaftlicher Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen: Welt im Wandel. Die Gefährdung der Böden. Jahresgutachten 1994. Bonn: Economica 1994, S. 154)


Katanga-Syndrom - Umweltdegradation in den Tropen


Ökosystem Tropischer Regenwald

Als Tropischer Regenwald wird der immergrüne Wald der tropischen Zone der Erde bezeichnet. Er bedeckt nur noch 7 % der Erdoberfläche. In ihm leben aber mehr als 30 Mio. Tier- und Pflanzenarten, das sind über 70 % der auf der Erde existierenden Arten. Die genetische Vielfalt des Tropischen Regenwaldes ist von entscheidender Bedeutung für die Medizin, Ernährung und Rohstoffsicherung zukünftiger Generationen. 40 % der globalen Sauerstoffproduktion stammen von den tropischen Wäldern, die gleichzeitig riesige Kohlenstoffspeicher sind; alleine im Amazonas-Regenwald sind 120 Mrd. Tonnen gebunden.
Die dichte, üppige Vegetation der Regenwälder lässt scheinbar auf fruchtbare Böden schließen, doch sind diese in Wirklichkeit nährstoffarm. Hauptursache für die hohe Produktivität an Biomasse (rund 30 t/ha, europäischer Buchenwald: 13 t/ha) sind in erster Linie die hohen Temperaturen, verbunden mit starken Niederschlägen. Weitere Kennzeichen des Regenwaldes sind der schützende Stockwerkbau, die vielfältigen Wechselbeziehungen der Arten sowie ein kurzgeschlossener Nährstoffkreislauf. Insgesamt existiert ein komplexes, aber für Störungen empfindliches Ökosystem.


Erschließung Amazoniens

Der brasilianische Regenwald ist mit einer Ausdehnung von mehr als 5 Mio. km² das größte tropische Regenwaldgebiet der Erde. Es wird allgemein als "Amazonien" bezeichnet, wobei die räumliche Abgrenzung nicht eindeutig ist.
Dieser Naturraum hat eine besondere Bedeutung als Lebens- und Kulturraum, zudem ist er Lieferant für zahlreiche Rohstoffe und Wirtschaftsgüter. Allerdings ist dieses Ökosystem durch Eingriffe des Menschen stark gefährdet. Durch sie gehen immer größere Teile dieses wichtigen Naturraums verloren.
Bis in die 1960er-Jahre war Amazonien weitgehend unerschlossen. Es stellte ein im Wesentlichen intaktes Ökosystem dar, in das die Indios als Urbevölkerung integriert waren. Eine Ausnahme bildeten vor allem die Kautschukplantagen. Die Veränderung setzte mit der Entdeckung großer Eisenerzvorkommen und anderer Rohstoffe ein, deren Abbau den ökonomischen Aufstieg Brasiliens voranbringen sollte. Auch ein hoher Bevölkerungs- und Siedlungsdruck, hervorgerufen durch das starke Bevölkerungswachstum in ländlichen Regionen wie dem Nordosten des Landes, veranlasste die Regierung, die Erschließung Amazoniens zu forcieren. Die Initialzündung erfolgte durch den Bau der Fernstraße "Transamazonica".



Amazonien - Eingriffe in den brasilianischen Regenwald (Klett)


Serra dos Carajas - Rohstoffgewinnung versus Regenwald

Das Projekt Marabá/Carajas
1966/67 entdeckte man bei Carajas im Osten Amazoniens große Vorkommen an Bauxit (Grundstoff für die Aluminiumherstellung), Mangan, Eisenerz und weiteren Bodenschätzen. Befestigte Straßen wurden gebaut und 1985 eine Eisenbahnlinie nach São Luis eingeweiht. Großflächig wurde der Regenwald entlang der Verkehrsachsen gerodet. Für Bergleute und Mitarbeiter der Holzfirmen errichtete man Unterkünfte in der Nähe des Abbaugebietes. So entstanden Siedlungen, Sägewerke und weitere Industrieanlagen, aber auch Weide- und Ackerflächen, um die Ernährung der Arbeitskräfte zu sichern.
Eisenerz und Bauxit werden im Tagebau gefördert. Das trifft auch auf die großen Goldvorkommen zu. Dazu entfernen Bagger nach der Rodung der Abbauflächen die oberste Bodenschicht. Anschließend werden die eigentlichen Bauxit- und Erzschichten durch Sprengung gelockert. Die geförderten Rohstoffe gelangen dann zu den Aluminiumhütten bzw. zu den Atlantikhäfen.





Serra dos Carajas, 1990 und 2005 (Klett)

Bedeutung des Erschließungsprojekts für Brasilien
Brasilien hat bis heute mit zwei zentralen Problemen zu kämpfen. Zum einen ist ein enormer Bevölkerungsdruck entstanden, da sich die Einwohnerzahl von 93 Millionen im Jahr 1970 bis 2008 auf 191,8 Millionen mehr als verdoppelt hat. Das natürliche Bevölkerungswachstum ist vor allem bei den Armen hoch. Für sie benötigt man Perspektiven, auch auf dem Arbeitsmarkt. Zum anderen leidet das Land seit langem unter einer hohen Auslandsverschuldung. Sie lag 2008 bei 211,38 Mrd. US-Dollar, eine Summe, die zu einer starken Belastung durch Schuldendienste (Zinsen, Tilgung) führt, die wiederum wertvolle Devisen aufbrauchen. Ein Grund für die Verschuldung ist das ehrgeizige Ziel, das sich Brasilien in den wirtschaftlichen Boomzeiten der 1950er-Jahre setzte: Bis 1980 wollte man die führenden westlichen Industrieländer eingeholt haben. Die hierfür nötigen Investitionen wurden meist mit ausländischen Krediten bezahlt. Die Überdimensionierung von Projekten, Missmanagement, Korruption und Ähnliches, aber auch weltwirtschaftliche Krisen wie nach den Ölpreisschocks von 1974/75 oder 1982 ließen die Träume platzen.
Die Erschließung von Rohstoffen erscheint angesichts der genannten Probleme ein Lösungsweg zu sein. Arbeitskräfte werden benötigt, der Export bringt Devisen und, wie seit einigen Jahren schon, eine positive Handelsbilanz. Die Vorkommen in der Serra dos Carajas spielen dabei eine wichtige Rolle, befindet sich hier doch mit 18 Mrd. Tonnen die größte Eisenerzlagerstätte der Welt. Bedeutsam sind diese Vorkommen z. B. auch für Deutschland, da Brasilien noch vor Australien unser wichtigster Eisenerzlieferant ist. Die Erze gelangen über den Atlantikhafen von São Luis nach Rotterdam und werden von dort mit Binnenschiffen nach Duisburg gebracht, wo sie in den Hochöfen verarbeitet werden.

Umweltdegradation in der Region Serra dos Carajas
Was man vor mehreren Jahrzehnten im Tropischen Regenwald der kongolesischen Provinz Katanga zum erstenmal beobachtete, nämlich die Degradation dieses empfindlichen Ökosystems durch wirtschaftliche Eingriffe mit dem Ziel, Ressourcen zu erschließen und Rohstoffe zu fördern, setzte sich in noch viel stärkerem Maße in Amazonien fort. Das Ökosystem des Regenwaldes erfährt hier massive Eingriffe. Es wird gestört und zu einem erheblichen Teil auch zerstört.
Obwohl die anfänglichen Intentionen fast immer nachvollziehbar sind, besonders in den tropischen Entwicklungs- oder Schwellenländern, sind die Auswirkungen tief greifend. Hierzu gehört in erster Linie die großflächige Rodung von Regenwäldern. Es entstehen aber weitere gravierende Umweltschäden, wie das Beispiel der Aluminiumerzeugung zeigt. Bei der Aluminiumproduktion benötigt man große Mengen Elektrizität, für deren Erzeugung massiv in die Landschaft eingegriffen wird, wie hier durch die Errichtung des Tucuruí-Stausees mit seinem Wasserkraftwerk. Außerdem gelangen z. B. Staub und Schwefeldioxid in die Luft. Hinzu kommen giftige Schlämme, die nicht wiederverwendet werden können und daher auf Deponien gelagert werden müssen.


Bitterfeld-Syndrom - Bodenkontamination in der Gemäßigten Zone

Das Bitterfeld-Syndrom verdankt seinen Namen dem Industriestandort Bitterfeld in Sachsen- Anhalt. Hier wurde in den 1990er-Jahren erstmals umfassend eine anthropogen bedingte Bodendegradation durch Altlasten (Kontamination; Abfalldeponierung) diagnostiziert, die zu ökologischen Störungen und erhöhten Gesundheitsgefährdungen bei Menschen führt.
Ein Beispiel für eine solche Bodenkontamination, aber auch für die Sanierung und neue Nutzung bietet das ehemalige Uhrenwerk der Firma Kienzle in Villingen-Schwenningen im östlichen Schwarzwald.

Fakten zum Projekt
Das Areal liegt zentral im Stadtteil Schwenningen und umfasst eine Fläche von 47 000 m². Hinzu kam für das Projekt eine unmittelbar angrenzende, ungenutzte städtische Fläche von 25 000 m². Wie sich nach dem Abriss der Fabrikgebäude und darauf folgenden Probebohrungen zeigte, handelte es sich um eine der brisantesten Altlasten-Flächen ganz Baden-Württembergs. Dieser Sachverhalt führte dazu, dass es mehrere Flächennutzungsversuche gab, die mit Rechtsstreitigkeiten über die Frage verbunden waren, wer die Bodensanierungskosten tragen sollte. Erst mit dem Erwerb des Areals durch eine Entwicklungsgesellschaft und deren Zusammenarbeit mit den zuständigen Planungsbehörden kam Bewegung in den Prozess.
Das Ziel des Projektes war eine wirtschaftlich tragfähige Wiedernutzbarmachung des Altstandortes Kienzle, wobei aufgrund der Lage in der Mitte von Schwenningen eine Mischnutzung favorisiert wurde.

Altstandort Kienzle – Sanierungsmaßnahmen
  • Verzicht auf Wohnbebauung in den Hauptschadensbereichen
  • Beseitigung massiv kontaminierter Bodenschichten, Entsorgung von ca. 19 000 t Bodenmaterial
  • Versiegelung des Nordareals (ehemalige Deponie)
  • hydraulische Maßnahmen zur Grundwassersanierung
  • Bau eines Rückhaltebeckens als Ausgleichsmaßnahme
  • Sanierungskosten: 3,5 – 4 Mio. Euro
Fakten zur heutigen Nutzung
  • Einkaufszentrum mit Lebensmittelmarkt, insgesamt 17 000 m²
  • weitere Dienstleistungs- und Einkaufsbereiche
  • 350 Parkplätze
  • Wohnbebauung mit ca. 200 Wohneinheiten für rund 500 Menschen
  • 15 % Flächenreserve des Gesamtareals für weitere Wohnungen
  • Park mit integrierter Wasserfläche zur Naherholung
  • Seniorenwohnheim
  • Investitionen durch alle Maßnahmen auf den insgesamt 72 000 m² Fläche von ca. 65 Mio. Euro
  • Entstehen von Arbeitsplätzen im Tertiären Sektor



Raubbau-Syndrom - Rohstofferschließung in der subpolaren Zone

Die Entwicklung des Ölpreises lässt weitab vom Arabischen Golf einen neuen Ölstaat entstehen, bei dem man ansonsten viel eher an Wälder, Berge, Seen und Wildnis denkt: Kanada, genauer gesagt die Provinz Alberta. Hier hat man die größten Ölsand-Vorkommen der Welt entdeckt, in denen rund 175 Mrd. Barrel Rohöl vermutet werden (1 Barrel = 159 l). Der ökonomische Vorteil liegt auf der Hand: Man wird zum Exporteur dieses wichtigen und teuren Rohstoffes und hat zugleich einen Hauptabnehmer direkt vor der Haustür, nämlich die USA. Und die profitieren ebenfalls von der neuen Situation, handelt es sich bei Kanada doch um einen krisensicheren Lieferanten.
Bekannt sind die Ölsande seit dem 19. Jahrhundert, doch setzte eine wirtschaftlich profitable Entwicklung erst in den 1990er-Jahren ein. 1998 verfasste die National Oil Sands Task Force, ein Zusammenschluss aus Ölfirmen und der Regierung Albertas, einen Bericht mit dem bezeichnenden Titel "The Oil Sands: A new Energy Vision for Canada". Schon drei Jahre später lag die Rohölförderung aus Alberta-Sanden mit 37 Mio. t erstmals über der konventionellen Förderung (35,7 Mio. t). Und sie soll sich bis 2011 noch einmal verdreifachen.
Doch aufgrund der wachsenden Erschließung und Förderung der Ölsande gilt die Region mittlerweile als herausragendes Beispiel des Raubbau-Syndroms. Der wesentliche Grund liegt darin, dass 80 % des Rohstoffs aus Sanden, Ton und Wasser bestehen und nur 20 % wirklich nutzbar sind. Darum muss man die klebrige Erde mithilfe von Großbaggern und riesigen Trucks in Extraktionsanlagen bringen, in denen die nicht verwendbaren Bestandteile vom Bitumen getrennt werden. Erst dieses Bitumen, auch "Erdpech" genannt, kann man verflüssigen und zu Öl und Treibstoffen weiterverarbeiten.
Ein Großteil des Abbaus der Ölsande geschieht in dieser ökologisch sensiblen Landschaft im Tagebau, und die Trennung der Stoffbestandteile in den Extraktionsanlagen benötigt enorme Mengen Wasser und Energie.

Interaktives Satellitenbild der Syncrude-Ölsandmine bei Fort McMurray, Provinz Alberta, Kanada (Google)


Quelle: 978-3-12-104102-2 TERRA Geographie für Nordrhein-Westfalen, Einführungsphase, Schülerbuch
Verlag: Klett
Ort: Stuttgart
Quellendatum: 2010
Seite: 88 - 107
Bearbeitungsdatum: 14.07.2012