"Melting Pot"


Das Bild vom "Melting Pot", dem Schmelzriegel Amerika, in dem aus einer Vielzahl von Nationalitäten und ethnischen Gruppen eine neue Gesellschaft geformt wird, wurde zum ersten mal in diesem Zusammenhang von dem französischen Aristokraten und Einwanderer Hector St. Jean de Crèvecoeur in seinem Buch Letters from an American Farmer (1782) gebraucht. Dort schreibt er:

"What attachment can a poor European have for a country where he had nothing? The knowledge of the language, the love of a few kindred as poor as himself, were the only cords that tied him. His country is now that which gives him land bread, protection and consequence: Ubi panis ibi patria, is the motto of all emigrants. What then is the American, this new man? He is either a European or the descendant of a European, hence that strange mixture of blood, which you will find in no other country. He is an American, who, leaving behind him all his ancient prejudices and manners and receives new ones from the new mode of life he has embraced, the new government he obeys, and the new rank he holds. He becomes an American by being received in the broad lap of our great Alma Mater; here individuals of all nationns are melted into a new race of men."

Ein halbes Jahrhundert später formuliert der amerikanische Philosoph und Dichter Ralph Waldo Emerson die Theorie vom Melting Pot wie folgt:
"As in the old burning of the Temple at Corinth, by the melting and intermixture of silver and gold and other metals a new compound mor precious than any, called Corinthian brass, was formed; so in this continent, asylum of all nations, the energy of the Irish, Germans, Swedes, Poles, and Cossacks, and all the European tribes, of the Africans, and of the Polynesians, will construct a new race, a new religion, a new state, a new literature..."

Populär wurde der Begriff "Melting Pot" aber erst durch das Theaterstück des englischen Juden Israel Zangwill "The Melting Pot", das in den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts zum Repertoire vieler Bühnen gehörte – zu einem Zeitpunkt, da die Einwanderungspolitik der USA vehement diskutiert wurde. Der Begriff erlebte jedoch nur eine kurze Konjunktur, da er schon bald als zu idealistisch kritisiert wurde. Tatsache ist es, dass die Idee vom Schmelztiegel in der Praxis nie richtig funktioniert hat. Wie bereits im Text von Ralph Waldo Emerson zum Ausdruck kommt, impliziert das Bild vom Schmelztiegel, dass beide Seiten ihre Identität aufgeben, um eine vollständig neue zu gewinnen. Tatsächlich aber wurde von den neuen Einwanderungsgruppen erwartet, dass sie sich tunlichst der WASP-Kultur eingliedern, d.h. den Wert- und Lebensvorstellungen der White Anglo-Saxon Protestants , denen es andererseits wohl nie in den Sinn kam, ihre alte Identität aufzugeben. So waren bestimmte Rassengruppen von vornherein disqualifiziert, wie z. B. die indianischen Ureinwohner, Schwarze und asiatische Einwanderer.

Als Alternative zum Melting Pot wird von vielen Kritikern daher das Modell eines kulturellen Pluralismus gesehen, einer Gesellschaft, in die die verschiedenen ethnischen Gruppen sich zwar in vollem Umfang integrieren, dabei aber ihre kulturelle Identität bewahren können. Sie ersetzen das Bild des Schmelztiegels durch Bilder wie die der Salatschüssel (salad bowl), des Mosaiks, des Kaleidoskops oder des Regebogens, in denen sich aus vielen Einzelelementen etwas Neues ergibt, ohne dass die ursprünglichen Bestandteile unkenntlich gemacht werden.


Quelle: FUNDAMENTE-EXTRA
Autor: Norbert von der Ruhren
Verlag: Klett
Ort: Leipzig
Quellendatum: 2004
Seite: www.klett.de/extra